Fakultätsauflösung "genau der richtige Weg"

30. Oktober 2003, 19:15
2 Postings

Deutscher Experte rät zur Einrichtung größerer Departments an der Uni Wien

Wien - Jürgen Mittelstraß, deutscher Wissenschaftstheoretiker und Mitglied des österreichischen Wissenschaftsrates, hält die Auflösung der Fakultäten, wie sie in der Strukturreform der Universität Wien angedacht ist, für den "genau richtigen Weg".

Er entspreche der "tatsächlichen Wissenschaftsentwicklung", argumentierte Mittelstraß anlässlich der Schlussbilanz des Universitätskuratoriums: "Die derzeitige Universitätsstruktur entspricht der Wirklichkeit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und denkt noch immer in Fächern und Disziplinen. Die heutigen Probleme sortieren sich jedoch nicht nach Fächern und Disziplinen. Insofern ist es richtig, dass Institute aufgelöst und größere Departments geschaffen werden." Auch im Hinblick auf den verschärften Wettbewerb zwischen den Bildungseinrichtungen der EU sei eine Entwicklung zu begrüßen, die autonome Strukturen mit hoher Flexibilität und Eigenverantwortlichkeit schaffe.

Während offiziell die Entscheidung über die künftige Struktur der Wiener Universität noch nicht gefallen ist, rührt der Experimentalphysiker Anton Zeilinger für seine Idee einer zusätzlichen "University of Excellence" kräftig die Werbetrommel. Zeilinger, der einer der fünf mit der Reorganisation beauftragten universitären Arbeitsgruppen vorstand, schwebt ein "Flaggschiff" vor, das in maximal 20 Fachgebieten Ausbildung auf Graduierten- und Postgraduierten-Niveau anbietet.

Als thematischen Überbegriff könnte er sich "Information und Komplexität" vorstellen, konkrete Themen wären beispielsweise Bioinformatik oder Mathematische Biologie. Als Startkapital würden nach Ansicht des Physikers 50 bis 100 Millionen Euro benötigt, im laufenden Betrieb pro Professur oder Arbeitsgruppe drei bis fünf Millionen Euro pro Jahr. Wiens Bürgermeister Michael Häupl zeigt sich jedenfalls angetan: "Wir reden schon darüber." Finanziert könnte das Projekt in mittels Private-Public-Partnership werden, so Häupl.

Während die Professoren also nur noch über die Formen der Umstrukturierung und mögliche Ausbaustufen der Uni debattieren, fühlt sich mit den Studierenden der Großteil der Adressaten aus dem Diskussionsprozess ausgeschlossen. Auf das zu diesem Zweck eingerichtete Internetforum hätten nur Angestellte der Universität Zugriff, kritisiert die Hochschülerschaft in einer Aussendung. In der zuvor erfolgten mündlichen Diskussion seien Mittelbau und externe Lektoren kaum zugelassen gewesen: "Diese Vorgehensweise seitens des Rektorats lässt auf die zukünftigen autoritären Entscheidungsstrukturen der neuen Forschungsuni schließen." (kob/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.10.2003)

Share if you care.