Der Bockerer als "Kopf des Tages": Ein listenreicher Dauerbrenner trickst alle aus

23. Juli 2004, 10:22
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Ein heimischer Held im Porträt

Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es die Weltlage nicht zulässt. Diese Erfahrung machen nicht nur US-Heroen wie Superman. Jedes Land hat spezifische Ängste und Sorgen, und daher auch immer Serienhelden, die diese Ängste auf den Punkt bringen, rettend einschreiten und für Beruhigung sorgen – bis zur nächsten Krise.

Man könnte auch sagen: Jedes Land hat die Helden, die es verdient. Österreich hat den Bockerer. Und hier folgt, angesichts des mittlerweile vierten von Franz Anttel verfilmten Kinoabenteuers, eine ganze Reihe von Fragen: Haben wir das wirklich verdient? Welche Rolle spielte zum Beispiel Franz Antels legendäres Szegedinergulasch, um heimische Politiker derart einzukochen, dass sie offen oder verdeckt – gegen alle Kritik – weitere Bockerer-Folgen befürwortet und betrieben haben? Was wäre passiert, wenn Antel den Herrn Karl in die Finger gekriegt hätte? Karl 2 – This Time It's Arbeitslosigkeit?

"Ich bin mit dem Schüssel per Du. Ich bin mit dem Klestil per Du.", sagte Antel schon vor drei Jahren im STANDARD auch mit Verweisen auf Michael Häupl und Erwin Pröll. "Und die helfen mir dann auch alle, wenn es darauf ankommt. Wenn ich sage, ich mache einen Film, dann ist das auch so. Und wenn das zu einer Regierungsänderung führt."

Kennt noch jemand das Volksstück Der Bockerer von Ulrich Becher und Peter Preses? Da geht es um einen Fleischhauer, grantig und goschert, aber eben auch Familienmensch, der, als man seine privaten Kreise stört, die Nazis austrickst. Und nachher im freundschaftlichen Kreis beim Kartenspiel beweist, dass das mit dem Antisemitismus alles relativ war: "Ihr Blatt, Herr Rosenblatt!" Dann war aber der Krieg vorbei, und Franz Antel stand für Folge 2 vor dem Problem: Wen trickst man jetzt aus?

Seither ist der Kommunismus Hauptgegner Nummer 1 – ganz logisch eigentlich in einem Kino, das zwischen links und rechts keine Unterschiede macht, weil halt alles ganz furchtbar ist. Bockerer gegen russische Besatzer, Bockerer im Budapest des Jahres 1956, Bockerer im Prager Frühling: Wie alt müssen er und der (wie man so brutal zu sagen pflegt) unverwüstliche Karl Merkatz und vor allem der mittlerweile 90-jährige Regisseur noch werden, um Bockerer X – Familienurlaub in Afghanistan oder Bockerer rettet die Diagonale zu erzählen?

Wie sagte der Dichter Robert Schindel nach Bockerer II: "Wenn man die Waldheim-Jahre Revue passieren lässt, wo viel passiert ist in Richtung einer Bewusstwerdung der Rolle Österreichs in der Vergangenheit, dann ist das, was jetzt passiert, eine Regression in die 50er Jahre." Dort stecken wir jetzt mit dem Bockerer fest: Immer ein wenig Opfer, aber listig, voll Schmäh. Vielleicht haben wir den Bockerer tatsächlich verdient. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.10.2003)

Von Claus Philipp
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