Das "Nein-Gefühl" hat immer Recht

31. Oktober 2003, 09:33
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Mit dem Theaterstück "Mein Körper gehört mir" sollen VolksschülerInnen lernen, dass sexuelle Übergriffe dort beginnen, wo ihre körperliche Integrität missachtet wird

Wien - Die Lehrerin zuckte ein bisserl zusammen. Noch vor ein zwei Wochen wäre ihr die kleine Anmerkung vielleicht gar nicht als wichtig aufgefallen. "Erzählt mal, wann ihr so ein Nein-Gefühl habt", hatte die Schauspielerin gefragt. Und unter all den kleinen Wortmeldungen über eher weniger beliebte Speisen, Schulstunden oder Spiele, sagte ein neunjähriges Mädchen "wenn mich die Freunde vom Papa umarmen". Ganz beiläufig.

Vorne, vor den Buben und Mädchen einer vierten Klasse Volksschule der Schule Maria Regina in Wien-Döbling, spielten Petra Szalony und Christian Koller ihr kleines Stück zum "Nein-Gefühl" weiter: Dreimal - jeweils mit einer Woche Abstand - kommen die beiden jungen SchauspielerInnen an die Privatschule, um den Dritt- und ViertklässlerInnen mit dem Stück "Mein Körper gehört mir" spielerisch beizubringen, dass es nicht falsch ist, "Nein" zu sagen, wenn man "Nein" spürt

Das Stück entstand vor zehn Jahren in der "Theaterpädagogischen Werkstatt" in Osnabrück - und wird jährlich adaptiert. Kinder sollen "kindgerecht, aber mit klaren Worten" (Szalony) über sexuellen Missbrauch, Gegenmaßnahmen und das Hilfesuchen informiert werden. Die Kernbotschaft: Vertraue deinem ganz individuellen Nein-Gefühl blind, sobald irgendjemand - egal wie nah er einem steht - deine körperliche Integrität missachtet. Mittlerweile wird sie in sechs Bundesländern ("Wiener Schulen sind eher eine zache G'schicht", so Szalony) verbreitet.

Überdies, erklärt das über das Österreichische Zentrum für Kriminalprävention vermittelte Mimenpaar, wolle man Kindern zeigen, dass es "gute und schlechte" Geheimnisse gibt und "dass die Schuld nie beim Kind liegt" - gerade Letzteres, so Christian Koller, sei Kindern selbst "erschreckend oft" nicht klar.

Nicht schichtabhängig

Das Stück an die katholische Schule zu holen, erklärt Schwester Magda Veronika, die Direktorin der Volksschule Maria Regina, sei "ohne konkreten Anlass" geschehen. Aber "sogar wenn die Statistik nur zur Hälfte stimmt und nur 15 Prozent der Kinder unter zehn Jahren schon Opfer von Übergriffen wurden, muss ich davon ausgehen, dass es auch bei uns betroffene und gefährdete Kinder gibt". Denn Missbrauch diskriminiert nicht. Weder nach Schicht, Religion oder Hautfarbe.

Sowohl LehrerInnen als auch Eltern hätten sich daher dafür ausgesprochen, den dritten und vierten Klassen das Stück zu zeigen. Parallel dazu, so Magda Veronika, "hat die Schule Kontakt zu einer Psychotherapeutin hergestellt - damit auch die Lehrer lernen, wie sie sich verhalten sollen, wenn ein Kind sie anspricht".

Einen einzigen Haken, bedauert die Schulleiterin, habe das Projekt: Die Schulerhalter (also die Länder) unterstützen "Mein Körper gehört mir" wortreich - aber nicht finanziell. Die Privatschule konnte für die 1300 Euro teure Veranstaltung einen Sponsor finden. An anderen, mit weniger Kontakten gesegneten Schulen müssen Kinder aber wohl noch warten, bis sie gefragt werden, ob Umarmungen durch Papas Freunde ein Ja-oder ein Nein-Gefühl auslösen. Und bis man ihnen erklärt, dass Neinsagen nie falsch, sondern oft die wichtigste Sache der Welt ist. (Thomas Rottenberg/DER STANDARD, Printausgabe 29.10.2003)

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    Mit dem Stück "Mein Körper gehört mir" soll Kindern spielerisch beigebracht werden, dass es nicht falsch ist, "Nein" zu sagen, wenn sie "Nein" spüren.

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