Die Welt hat Pinochet bereits verurteilt

17. Jänner 2000, 19:11


Antonio Tabucchi

Es besteht kein Zweifel, dass die Angehörigen der Opfer Augusto Pinochets und alle jene, die seine Massaker überlebt haben, angesichts der Nachricht von der baldigen Freilassung des Diktators ein Gefühl des Unrechts und der Machtlosigkeit empfinden.

Ihn vor einem Gericht zu sehen, vor dem er Verantwortung für die Morde und Folterungen übernehmen muss, die die er nach einem Staatsstreich in einem demokratisch regierten Land durchführen ließ, das wäre eine moralische Kompensation für alle jene gewesen, die an die Menschenrechte glauben, welche von General Pinochet schändlich mit Füßen getreten wurden.

Trotz alledem bleibt eine unumkehrbare historische Tatsache bestehen: Die weltweite öffentliche Meinung hat bereits ein moralisches Urteil über diesen Diktator gefällt, dank des internationalen Haftbefehls, den ein spanischer Richter gegen ihn erlassen hat, der dazu führte, dass er in einem demokratischen Land Europas lange unter Hausarrest stand, während die freie Presse ausführlich über seine vergangenen Untaten berichtete und eine Debatte über einen möglichen Prozess gegen ihn auslöste. Ein Prozess, der in seinem Land, in dem er sich Immunität verschafft hatte, undenkbar gewesen wäre.

Der Arrest Pinochets bedeutet, mit aller gebotenen Vorsicht, die erste Bestätigung eines internationalen Rechtes, das sich in der ganzen Welt ausbreitet und uns Anlass zur Hoffnung gibt, dass sich die Verantwortlichen für Völkermorde, Massaker, ethnische Säuberungen, systematische Folter und andere Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Zukunft nicht mehr so frei und unberührbar fühlen können, wie sie es im Jahrhundert der Totalitarismen gewesen sind.

Heute wissen Menschen dieses Schlages, dass sie, wenn sie in ihren Ländern Gräueltaten begehen, nicht mehr ungestraft und leichten Herzens in London, Paris, Rom oder in einer anderen unserer Städte ihre Einkäufe erledigen können, als wären sie harmlose Touristen.

Der Fall Pinochet hat in gewisser Weise zum Wachsen eines bürgerlichen Gewissens im Schoß der Gesellschaft beigetragen.

Das ist meiner Meinung nach eine bedeutsame Neuerung in unserer Zeit. Es handelt sich um ein Erwachen der Zivilgesellschaft, das weltweit bereits etliche Auswirkungen hat, von den Ärzten ohne Grenzen, die 1999 den Friedensnobelpreis erhielten, bis zu vielen anderen Solidaritätsorganisationen wie dem internationalen Schriftsteller-Parlament.

Unsere Erinnerung wendet sich den Intellektuellen zu, den Künstlern und der Mehrheit des chilenischen Volkes, die unter dieser lang dauernden Diktatur so viel leiden mussten.

Ich weiß nicht, wie viele unter den Lesern sich heute an Namen erinnern wie Violeta Parra, deren Lieder die Diktatur verboten hatte, oder Víctor Jara, der Poet und Musiker, der nach grausamer Folter verschwunden ist. Diesem Víctor Jara, der auf seiner Gitarre traditionelle chilenische Melodien spielte, schnitten die Folterer des Generals die Hände ab.

Und ich weiß genau, welche Gewalt mein Freund Luis Sepúlveda, der heute im spanischen Gijón lebt, ertragen musste. Von seiner persönlichen Odyssee und der des chilenischen Volkes hat er uns in vielen großartigen Büchern und Artikeln erzählt: von seiner Gefangennahme, der Erniedrigung im Gefängnis und von seiner Flucht. Heute lebt er unter uns, von Tausenden Lesern verehrt und geschätzt.

Der General, der seine Wut an ihm und an seinem Volk ausließ, wird in sein Land heimkehren, zurückgeschickt von der britischen Regierung, die ihn für zu alt und zu krank hält, um einen Prozess durchzustehen.

Er wird nicht als Sieger zurückkehren, daran besteht kein Zweifel.

Antonio Tabucchi, 1943 in Pisa geborener italienischer Schriftsteller. Werke u. a. "Erklärt Pereira", "Der verschwundene Kopf des Damasceno Monteiro" (beide dtv).

Übersetzung: Erhard Stackl
© El País, Madrid, Foto: Reuters

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