Syrien nach den Anschlägen im Zwielicht

29. Oktober 2003, 19:24
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Ausländische Al-Kaida-Kämpfer im Irak sollen aus dem Nachbarland kommen

Bagdad/Wien - Der letzte von fünf Anschlägen an Bagdads schwarzem Montag schlug fehl und erbrachte ein wichtiges Indiz über die Struktur der Terrorwelle, die seit nun fünf Monaten in regelmäßigen Abständen über die Stadt rollt: Als irakische Polizisten den Fahrer niederschossen, der an jenem Tag kurz nach zehn Uhr auf die Jadida-Polizeistation im Südwesten der Stadt zuraste, machten sie eine Entdeckung. Der Attentäter, der verletzt überlebte, soll einen syrischen Ausweis haben. Vor allem darauf baut nun die These auf, ausländische Terroristen würden den Großteil der Anschläge im Irak ausführen.

Auf 1000 bis 3000 Kämpfer schätzt das Pentagon die Zahl dieser Terroristen, von "mehreren Hundert" Männern, die in den Irak eingereist sind, sprechen die Ermittler, die sich durch die Trümmer der jüngsten Bombenanschläge arbeiten. Weil das Netz mutmaßlicher Al-Kaida-Mitglieder im Irak für die US-Besatzung und ihre Geheimnisüberbringer offenbar noch undurchdringbar ist, treten die Amerikaner mit gänzlich widersprüchlichen Einschätzungen hervor. Die Anschläge vom Montag seien das Werk von "Ausländern", versicherte US-General Mark Hertling in Bagdad. Der Kommandeur der Vierten US-Infanteriedivision in Tikrit, Raymond Odierno, sieht dagegen nur einen "sehr, sehr kleinen Prozentsatz ausländischer Kämpfer"; "ich habe herausgefunden, dass es Iraker nicht mögen, wenn Leute aus anderen Ländern in irakischen Angelegenheiten herumstochern. Sie mögen hier keine Iraner, sie mögen keine Syrer, sie haben wirklich gern die Vorstellung, dass ihre eigenen Leute an diesen Sachen beteiligt sind."

Syrien, der Iran und Saudi-Arabien gelten dennoch als potenzielle Herkunfts- oder Transitländer der Al-Kaida-Terroristen im Irak. Halboffizielle oder selbst ernannte Geheimdienstexperten behaupten, die Route über die syrische Grenze sei der "meist benutzte Korridor" nach Bagdad und der Flughafen von Damaskus eine regionale Drehscheibe für die internationale Islamistenkoalition aus Zentralasien, Tschetschenien oder dem Balkan. Attentäter sollen auch aus den Palästinenserlagern im Libanon und in Syrien kommen, Saddam Hussein die Stammeschefs im syrischen Grenzgebiet jahrelang finanziell unterstützt und an sich gebunden haben.

Die syrische Regierung schwieg am Dienstag noch zu dem Umstand, dass offensichtlich ein Bürger ihres Staates einen Bombenanschlag auf eine Polizeistation in Bagdad verüben wollte. Dass Damaskus die Islamisten als seinen ärgsten innenpolitischen Feind betrachtet, ist seit der blutigen Niederschlagung eines Aufstands der Muslimbruderschaft in der Stadt Hamah 1982 bekannt. (Markus Bernath/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.10.2003)

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