Anschlagsserie im Irak reißt nicht ab

29. Oktober 2003, 20:46
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Sechs Tote bei Selbstmord- Attentat in Falluja - Rotes Kreuz erwägt Rückzug - USA versichern: Sicherheitslage stabil

Einen Tag nach einer Serie blutiger Selbstmordanschläge in Bagdad sind die US-Verantwortlichen sichtlich bemüht, den politischen Schaden zu begrenzen. Mindestens 40 Menschen waren am Montag gestorben, als etwa zur gleichen Zeit islamische Extremisten die Zentrale des Roten Kreuzes und mehrere Polizeiwachen in Bagdad angegriffen hatten.

US-Außenminister Colin Powell ersuchte das Rote Kreuz in Bagdad noch in der Nacht zum Dienstag, nicht aus Bagdad abzuziehen. Die US-Verwaltung im Irak zog später nach und dehnte ihren Aufruf zum Bleiben auf alle im Irak tätigen Hilfsorganisationen und Privatunternehmen aus. "Wir ermutigen jeden nachdrücklich, keine übereilten Entscheidungen zu treffen", sagte Verwaltungssprecher Charles Heatley vor Journalisten. "Die allgemeine Sicherheitslage bleibt geeignet für den Wiederaufbau, für Nichtregierungsorganisationen und private Unternehmen, die im Irak arbeiten wollen", meinte er.

Beim Roten Kreuz, das bisher dem eigenen Neutralitätsgebot folgend keinen US-Schutz annahm, sieht man das offenbar nicht ganz so rosig. Dessen Sprecherin Nada Doumani stand den Reportern aus aller Welt vor dem stark beschädigten Hauptquartier Rede und Antwort. "Es ist noch keine Entscheidung gefallen", wiederholte sie immer wieder, "wir wissen noch nicht, ob unser ausländisches Personal ganz oder teilweise abgezogen wird." Das Gebäude selbst stand leer, die Druckwelle der etwa 20 Meter entfernten Detonation hatte die Fenster eingedrückt und die Büros verwüstet.

Anschlag in Falluja

Während Bagdad einen verhältnismäßig ereignislosen Dienstag erlebte, verlagerte sich die Gewalt nach Falluja, einer unruhigen Kleinstadt 70 Kilometer westlich von Bagdad. Dort raste ein Selbstmordattentäter auf eine Polizeiwache zu. Seine Sprengladung riss mindestens sechs Menschen in den Tod, darunter auch Schulkinder. In Basra verletzte eine Bombe am Straßenrand zwei Zivilisten und einen britischen Soldaten.

Am Abend gab es dann wieder Explosionen in Bagdad. Mindestens drei Mörsergranaten explodierten nach polizeilichen Angaben in der irakischen Hauptstadt. Eine der Mörsergranaten detonierte auf dem Gelände der Universität. Dabei wurde niemand verletzt. Bei einem weiteren Angriff mit Panzerabwehrraketen wurde ein US-Soldat getötet.

Aus Tikrit, der Heimatstadt des gestürzten Staatschefs Saddam Hussein, wurde am späten Abend ein Angriff auf den dortigen Stützpunkt der US-Streitkräfte gemeldet. Nach Berichten von Augenzeugen beschossen Angreifer den Stützpunkt am Südtor. Dabei wurde ein US-Soldat verletzt.

Journalisten festgenommen

Die Nervosität der Amerikaner ob dieser nicht abreißen wollenden Kette von Hiobsbotschaften äußert sich nun auch im Umgang mit den Medien. Am Montag nahmen sie vor einer der angegriffenen Polizeiwachen einen Kameramann und einen Fahrer des katarischen TV-Senders Al-Jazeera fest. Sie werden, wie ein US-Sprecher mitteilte, der "möglichen Mitwisserschaft" verdächtigt. Der Produzent Ahmed Samarai, der auch am Schauplatz war, bezeichnete die Anschuldigung als absurd. Er und der Kameramann wohnen nahe der Polizeiwache, weshalb sie gleich nach der Explosion dorthin geeilt seien. Samarai meint zu wissen, dass ein irakischer Dolmetscher, der für das US-Militär im betroffenen Wohnbezirk arbeitet, den Amerikanern gegenüber angab, der Al-Jazeera-Kameramann sei schon eine Stunde vor dem Anschlag vor Ort gewesen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.10.2003)/APA

Gregor Mayer aus Bagdad
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    Verwüstung in Falluja, 70 Kilometer westlich von Bagdad: Eine Autobombe nahe einer Polizeiwache tötete vier Passanten

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