USA fürchten Hilfsorganisationen-Rückzug

28. Oktober 2003, 18:31
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Powell appelliert nach Anschlagsserie: "Sie werden gebraucht" - Rotes Kreuz hat über möglichen Abzug noch nicht entschieden

Bagdad/Washington/Genf - Nach der blutigsten Anschlagsserie im Irak seit Ende des Krieges befürchten die Vereinigten Staaten offenbar einen Rückzug der Hilfsorganisationen aus dem Land. US-Außenminister Colin Powell appellierte in Washington an die Helfer, weiter beim Wiederaufbau zu helfen und sich nicht abschrecken zu lassen.

"Sie werden gebraucht", sagte Powell auf einer Pressekonferenz über die Hilfsorganisationen. "Wenn sie vertrieben werden, gewinnen die Terroristen." Er hoffe, das Rote Kreuz und andere Hilfsorganisationen könnten sich dazu entschließen, im Irak zu bleiben. Powell schlug Konsultationen mit US-Administrator Paul Bremer und den US-Streitkräften vor, um für sichere Arbeitsbedingungen zu sorgen.

" Sicherheitslage geeignet"

"Wir ermutigen jeden nachdrücklich, keine übereilte Entscheidung zu treffen", erklärte ein Sprecher der Verwaltung am Dienstag in Bagdad. "Die allgemeine Sicherheitslage bleibt geeignet für den Wiederaufbau, für regierungsunabhängige Organisationen und private Unternehmen, die im Irak arbeiten wollen", fügte er hinzu.

Rotes Kreuz hat noch nicht entschieden

Die Sprecherin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), Antonella Notari, sagte in Genf, noch seien keine Entscheidung über die Zukunft der Irak-Hilfe gefallen. Die Hilfsorganisation Cap Anamur befürchtete, dass sie sich aus Sicherheitsgründen aus dem Irak zurückziehen muss. "Dieser Anschlag auf das Rote Kreuz ist für uns ein Alarmsignal", sagte Georg Rossmaier, der seit Mai als Ingenieur für Cap Anamur in Bagdad ist, am Dienstag im ZDF.

Das dreistöckige Gebäude des IKRK in Bagdad blieb am Tag nach dem Anschlag leer. Die Mitarbeiter waren angewiesen worden, zu Hause zu bleiben. Alle Fenster waren zersprungen, in der Fassade waren breite Risse zu sehen.

Deutsche Hilfsorganisationen bleiben vorerst

Deutsche Hilfsorganisationen wollen vorerst ihre Mitarbeiter nicht aus dem Irak abziehen. "Wir denken natürlich darüber nach, wie lange wir diesen Einsatz unter diesen Konditionen noch so aufrechterhalten können", sagte der Vorsitzende der Hilfsorganisation Cap Anamur, Elias Bierdel, am Dienstag Reuters-TV. Zunächst würden die Mitarbeiter im Irak bleiben. "Im Augenblick haben wir fünf ausländische Mitarbeiter vor Ort, und natürlich eine ganze Reihe von Einheimischen, die in unseren Kliniken arbeiten." Von Sicherheit könne keine Rede sein, vor allem nachts gebe es Kämpfe. Es sei den Besatzungstruppen nicht gelungen, die Sicherheit zu gewährleisten.

Bierdel berichtete, am riskantesten seien die Fahrten. Daher seien die Vorschriften für die Cap-Anamur-Mitarbeiter verschärft worden. Beispielsweise dürfe niemand mehr alleine im Auto fahren, auch müsse das Auto immer verschlossen sein. "Selbstverständlich haben wir keinen bewaffneten Schutz, und wir haben auch keine Betonbarrieren vor unserem Hauptquartier."

Spekulationen über die Drahtzieher

Wer hinter dem Anschlag stand, war unklar. In Bagdad machten Vertreter der irakischen und amerikanischen Behörden ausländische Kämpfer verantwortlich. Sie verwiesen auf einen festgenommenen Syrer, dessen geplanter Anschlag am Montag vereitelt worden sei. In Washington erklärten Pentagon-Vertreter, wahrscheinlich hätten Anhänger des gestürzten Staatschefs Saddam Hussein die Bombenserie geplant. Ein Sprecher der alliierten Truppen, Charles Heatley, sagte, es sei schwierig, Vermutungen anzustellen. Es gebe jedoch Hinweise darauf, dass ausländische Terroristen ins Land eingedrungen seien.

US-Brigadegeneral Mark Hertling vermutet Ausländer hinter den Anschlägen. "Heute haben wir ein neues Element" bei der Destabilisierung des Irak, sagte General Hertling, Vize-Kommandant der für Bagdad zuständigen 1. US-Panzerdivision während einer Pressekonferenz in Bagdad. "Es gibt Anzeichen, dass ausländische Kämpfer beteiligt sind", betonte er unter Berufung auf geheimdienstliche Hinweise und Ermittlungen. Die Zahl der Opfer wäre noch höher gewesen, wenn sich irakische Polizisten und Sicherheitsleute nicht so "heroisch" verhalten hätten.

Im Irak sind derzeit rund 35 ausländische Mitarbeiter und 800 Einheimische für das IKRK tätig. Bei einer Serie von insgesamt fünf Anschlägen auf den Sitz des IKRK sowie vier Polizeistationen in Bagdad wurden insgesamt mehr als 40 Menschen getötet und über 200 weitere verletzt.(Reuters/APA/AP/dpa/red)

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    "Es waren schlimme 24 Stunden" meint US-Außenminister über die jüngste Anschlagsserie im Irak und appelliert an die Hilfsorganisationen im Krisengebiet zu bleiben

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