Panikverkäufe an der Moskauer Börse

28. Oktober 2003, 12:46
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Experten befürchten nun Kapitalflucht

Moskau - Die Festnahme des Chefs des größten russischen Ölkonzerns Yukos, Michail Chodorkowski, hat an den Finanzmärkten des Landes zu Panikverkäufen geführt und die Kurse kräftig abstürzen lassen. Präsident Putin versuchte die Investoren zu beruhigen und warnte davor, aus Angst vor einer Wiederverstaatlichung von Yukos in Hysterie zu verfallen.

Eine Besprechung mit Wirtschaftsvertretern über den Fall lehnte er derzeit aber ab. Experten befürchten, dass es zu einer Kapitalflucht aus Russland kommen könne, sollte im Zuge der Ermittlungen Yukos vorübergehend wieder unter staatliche Kontrolle gestellt werden. Chodorkowski war am Samstag wegen des Vorwurfs des Betrugs und der Steuerhinterziehung in einer dramatischen Aktion in Sibirien festgenommen worden. Die wichtigsten russischen Aktienindizes verloren am Montag bis zu 13 Prozent, Yukos selbst büßte rund 18 Prozent seines Wertes ein - immerhin ein Bewertungsverlust von rund fünf Milliarden Dollar. Auch der Kurs der Landeswährung Rubel gab vorübergehend deutlich um einen halben Prozent nach. Nach einer Intervention der russischen Notenbank erholte er sich aber wieder. "Nachdem die Behörden Chodorkowski ins Gefängnis gesteckt haben, gehen die Menschen davon aus, dass der Abfluss an privatem Kapital den Zufluss deutlich übertreffen wird, und das hat Panik ausgelöst", begründete Artem Roschtschin von der Aljba-Alliance-Bank.

Als Fürsprecher der liberalen Opposition gilt Chodorkowski bei vielen als potenzieller Kandidat für das Präsidentenamt im Jahr 2008. Die Festnahme gefährdet Experten zufolge auch die Bemühungen Putins, die russische Wirtschaft anzukurbeln und bei Investoren Vertrauen zu schaffen. "Die Festnahme, die Anklage und die Inhaftierung von Michail Chodorkowski ist ein erbärmlicher Rückfall Russlands in die Entwicklung nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion", erklärte das Brokerhaus United Financial. (DER STANADARD Printausgabe 28.10.2003)

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