Uni Wien löst Großteil ihrer Fakultäten auf

28. Oktober 2003, 19:04
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Im Mittelbau regt sich bereits Widerstand

Wien - An der Wiener Universität, der größten Österreichs, steht eine der bedeutendsten organisatorischen Umgestaltungen der letzten 50 Jahre unmittelbar bevor. In einem seit Juli entwickelten Eckpunktepapier ist vorgesehen, dass die Fakultäten aufgelöst und die rund 100 Institute in etwa sieben "Organisationseinheiten" zusammengefasst werden sollen. Fünf Arbeitsgruppen mit in- und ausländischen Experten haben monatelang an den nun vorliegenden Plänen gearbeitet.

Mit dem Ziel, flachere Hierarchien an der Uni einzuführen, soll die derzeitige "Drei-Ebenen-Struktur" (Rektorat- Fakultät-Institut) durch zwei Ebenen (Rektorat-"Organisationseinheit") ersetzt werden. Anfang kommender Woche wird Uni-Rektor Georg Winckler den Entwurf dem Uni-Senat vorlegen, bestätigte Wincklers Sprecherin Cornelia Blum auf Anfrage des STANDARD. Ausgenommen von der Neuorganisation sind lediglich die juridische, die katholische und die evangelische Fakultät.

Bereits jetzt ist die Reorganisation heftig umstritten. Vor allem der Mittelbau beklagt, dass eine notwendige Tiefenstruktur verloren geht. "Es gibt zwei Optionen: Wenn wir alle Institute in etwa 40 bis 50 Organisationseinheiten zusammenfassen, die dem Rektor unterstehen, haben wir eine ungeheure Machtkonzentration in einer Hand. Wenn wir die Institute in fünf bis sieben Organisationseinheiten fassen, haben wir mächtige Dekane und sinnlos große Einheiten", so ein lang gedienter Professor. Ein Grundfehler aller Überlegungen sei der "100-prozentige Reformwille, der nun das Rad neu erfinden will. Es hat keine Stärken-Schwächen-Analyse gegeben, es wird einfach eine neue Ebene über die bestehende Struktur gestülpt. In diesem Schematismus wird auf historisch gewachsene Strukturen keine Rücksicht genommen."

So soll etwa die Geisteswissenschaftliche Fakultät in eine philologische und historische Abteilung geteilt werden, berichtet Andreas Kappeler, Professor am Institut für Osteuropäische Geschichte und Mitglied einer Arbeitsgruppe. Für sein Institut sieht er schwarz: "Uns wird es als Rechtsperson ab 1. 1. 2004 nicht mehr geben."

Ruf nach Transparenz

Claudia Sommer-Smolik, Bildungssprecherin der Wiener Grünen, kritisiert vor allem die Zusammensetzung der Arbeitsgruppen: "Wie breit wurde das diskutiert?" Zudem könne man nicht Fakultäten wie etwa die Human-und Sozialwissenschaften auseinander reißen, welche bisher zusammengearbeitet haben. Die künftigen Organisationseinheiten seien als konkurrierende Systeme geplant. Wer gute Projekte habe, würde mehr Geld bekommen. Damit wären Kooperationen zwischen verschiedenen Instituten sinnlos. Studienplanänderungen sollen, statt wie bisher auf Institutsebene, künftig vom Senat beschlossen werden.(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 10. 2003)

Von Samo Kobenter und Karin Moser
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