Sätze, die die Zunge bepelzen Rede zum Priessnitz-Preis für Olga Flor

27. Oktober 2003, 18:51
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Josef Winkler

In der Prosa von Olga Flor erwachen Scheinwerfer zum Leben und bescheinen den Asphalt, rotglühende Zigarettenanzünder springen aus dem Armaturenbrett eines Autos, Fasern von selbstgedrehten Zigaretten lassen sich in Manteltaschen wiederfinden, Rauch fächert sich, teilt sich in Fäden auf, kräuselt sich und wird mitgerissen vom Regen, die flatternde Plane eines vorbeifahrenden Lastwagens reißt sich los und übergießt mit einem Schwall staubigen Wassers ein Augenpaar, am Flammenrand eines Feuerzeuges wird ein Stück Harz angewärmt, eine Hand fährt mit einem Rasierer über ein nasses, aus der Badewanne gestrecktes Frauenbein, Bahnhofshallengeruch in den Haaren.

In einem Topf des Malers Jakob schwimmt ein Schweinskopf, im anderen Topf Schafsfüße, Kuheuter und Haifischflossen, die, so der Maler Jakob keck, wohl von seinem Rücken gefallen sein mußten. (...)
Und später, es war wohl wieder vom Maler Jakob mit den Schlachtabfällen die Rede und den inzwischen wohl auch schon verdorbenen, kleinen, grauen Engelsflügeln: Die Stille tobte in den Ohren, und er war froh über den Takt ihrer Schritte, der Satzanfänge auslöste und nie über die ersten paar Wörter hinauskommen ließ.

Stille, Takt, Schritte, Satzanfänge, erste Worte, wieder Stille, viel auch beunruhigende Stille in den Geschichten von Olga Flor, einer Prosa der Kleinigkeiten, einer Prosa der Andeutungen, des Aussprechbaren und des Unaussprechlichen, das herausklingt zwischen den Zeilen und sich von Zeile zu Zeile dem Leser nähert, das Unaussprechliche und Unausgesprochene, das man nicht überlesen oder gar darüber hinweglesen kann, obwohl es nicht dasteht, in dieser Prosa der gewissenhaften Aussparungen, dann wird man nach einer vielstimmigen Atempause schnell wieder hineingezogen in einen Sog, in einen Wirbel gewitterartig aufkommender Worte, in der auch Sätze kreuz und quer reden können, in einer Prosa mit Unterwassertönen, mit Überwassergeschwader, hörbar als gierig saugender Mund an der Unterseite einer Eisplatte, über der, an der Oberfläche dieses Spiegeleises sich die Spuren schneidiger Kufen als Wörter eingraviert hatten, in einer Prosa, in der sich die Sprachlosigkeit der Figuren in Zimmer/Küche/Kabinett, vor allem in der familiären Atmosphäre zu versprengten Fremdkörpern versteinern, aber auch in der Atmosphäre der studentischen Liebe finden sich in dieser Prosa keine Sätze, die man sich auf der Zunge zergehen lassen kann, es sind Sätze, die die Zunge des Lesers bepelzen und die man nicht los wird mit einer Serviette, die so gerne als streitbarer Diskussionsbeitrag benutzt wird für aufgeklärte Sterntaler vor den Universitätshaltetoren.

Die Sätze von Olga Flor gehen ihre Nachtwege und tragen ihre wächsernen Tagkerzen vor sich her, tauchen funkelnd als Leuchtkäfer auf, leicht oft angeschmiert vom Seelenleichengift, man starrt sie an, sie verschwinden, man sucht sie und findet sie anderswo wieder in der nächsten Lamelle und blättert zurück, als hätte man sie schon einmal irgendwo gesehen und möchte sie ertappen bei der Fluchtbewegung ihrer Wiedergängerart, aber diese Sätze - Olga Flor sät auch Zwietracht in ihre Worte, sie läßt Sätze streiten -, diese Sätze verdrehen sich, wenden sich um, graben sich um und aus und müssen sich wohl irgendwann einmal eingegraben haben, kehren wieder, manchmal höhnisch, sarkastisch, ironisch, zärtlich, liebevoll und ängstlich, sie schlummern und springen auf, unterbrochen von den Stelzen der Striche, die den Wörtern beistehen, damit sie fallen, um sich wieder bis zum Punkt erheben zu können, als unsichtbare, ausgesparte Herzschläge pochen sie sich fort von Seite zu Seite. Die Sätze von Olga Flor tragen wenige Figuren, aber viele Gesichter, deutliche und undeutliche, sie treten schemenhaft auf und klar an den Tag und gehen oft sich zerbröselnd und sich auflösend in die Nacht hinein, manche verschwinden, für immer.

Auch der Maler Jakob ist verschwunden, für eine Zeitlang, vielleicht auch für immer, ist weitergezogen nach Berlin mit seinen Töpfen, in denen Schweinsköpfe, Schafsfüße und Kuheuter schwimmen, dort sitzt er wohl und wartet am Bahnhof Zoo, ungewaschen und verschmutzt, wie ich ihn mir vorstelle. Wieder einmal möchte Elisabeth ihn besuchen, klopft an der Tür, aber niemand öffnet. Sie betrachtet die ungeordneten Pfandflaschen vor dem Wohnungseingang, möchte eine Nachricht hinterlassen, aber es fehlen ihr die Worte, bis sie Schritte hört.

Eine Unbekannte, Veronika ihr Name, ebenfalls eine Freundin von Jakob, taucht auf. Weggefahren ist er, nach Berlin wohl, dieser Mistkerl, sagt Veronika. Später, nach einem gemeinsamen Abendessen spazieren Elisabeth und Veronika Hand in Hand durch den Park, vom Weg ab, ins Dickicht hinein, dorthin, wo ein Baum steht.

Elisabeth hockt sich nieder und entblößt der am Baumstamm Lehnenden den Unterkörper. Zuerst gibt Veronika Anzeichen, sich wehren zu wollen, aber dann läßt sie es doch geschehen. Und mit dem Handrücken wischt sich Elisabeth ihren Mund ab, während wohl, so stelle ich es mir vor, ihrem gemeinsamen Freund Jakob auf einer Treppe am Bahnhof Zoo unter den raschelnden grauschwarz wirbelnden Lamellen des Zuganzeigers graue Haifischflossen wieder nachwachsen am Rücken, langsam und ruckartig, Jakob neugierig auf die Kinnspitzen erhobener Köpfe, Zugabfahrtszeiten lesenden Fahrgäste schaut, auf die bärtigen und unbärtigen, die weichen und die harten.

Josef Winkler ist Schriftsteller. Die hier auszugsweise abgedruckte Rede über Olga Flors Roman "Erlkönig" hielt er zur Verleihung des Reinhard-Priessnitz-Preises 2003.

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