Szenisches Mäuschen namens "Freiheit"

27. Oktober 2003, 18:51
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Die Burg betreibt Standort- als Zukunftssicherung: Die "Werkstattnacht" im Kasino

Ronald Pohl

Wien - Die dramatische Kunst ist frei - so frei, wie das größte europäische Theater seine jungen Schutzbefohlenen eben sein lässt. Man kann das beherzte Eintreten von Burg-Dramaturg Andreas Beck für neun angehende Stückeschreiber, die meisten von ihnen keine 30 Jahre alt, gar nicht genug loben und wird doch einige Einwände geltend machen wollen.

Der eher viertel- denn halbszenische Lesemarathon der Werkstattnacht am Sonntag im Kasino lieferte absehbarerweise Probierhäppchen: großteils zum Lachen reizende - die durchschlagende Humorigkeit gehört zum Prinzip eines Konformismus, der im Leichtnehmen die vorsorgliche Übereinstimmung mit dem Publikum sucht. Wonach schmeckt aber die kaum szenisch zu nennende Bewältigung der Wirklichkeit - wenn sie das Geschmacksdiktat einer Expertenschar passieren muss, deren Sinnen und Trachten dem Wirklichkeitssinn folgt: dem Diktat einer Praxis, die das Vorhersehbare zu taxieren versteht?

Dramaturgen und Regisseure erklären Autorinnen und Autoren - zwei Österreichern, sechs Deutschen, einem Südtiroler -, wie die gefälligst ihre Sätze, Szenen, Sentenzen zu schreiben hätten: Dergleichen Akademismus sichert den durchschlagenden Erfolg geläufiger Strickmuster. Er garantiert die Warenförmigkeit, mit der man die ungebundene Fantasie vorab versiegelt.
Zukunftssicherung erkennt man denn auch am Grade der Übereinstimmung mit der Wirklichkeit. Mit Genuss zerrt man Familienpopanze vor den Vorhang: gierige Mütter (Toni Bernhart), symbolisch kastrierte Väter (Claudius Lün-stedt), dämmernde Greisinnen (Evamaria Bohle). Man nennt Figuren demokratiepolitisch unbedenklich: Max, Paul, Marlies, Tutu oder Belinda. Atemlose Sätze verraten das hingegebene Selbststudium der TV-Dialogkunst.

Im Mitleiden mit der sozial deklassierten Kreatur - im Falle der hoch begabten Catherine Aigner (26) aus München: im Erträumen eines Puffbetriebs mit geschundenen Mädchen - gibt sich eine wilde Entschlossenheit zur Instantpoesie zu erkennen. Erst über mannigfache Umwege gelangt politische Reflexion zu ihrem Recht: Man tauft Ratten, die sich im T-Shirt verkriechen, auf "Freiheit", was schräge Pointen zeitigt (im interessanten Szenencluster Fliegen/ Gehen/ Schwimmen des 23-jährigen Grazers Johannes Schrettle).
Zwischen der Wiedergabe unserer geschwätzigen Erlebnisgesellschaft und deren künstlerischer Aufhebung klafft indes eine Lücke: Wer von den durchwegs hoffnungsfrohen Jungdramatikern wird eine Maßlosigkeit zu erkennen geben, die alle vorgefertigten Limits sprengt? Mit Blick auf die durchwegs passionierten Rezitationsübungen der Burgschauspieler freut man sich - auf einen erst noch zu hebenden Schatz.

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