Skandalpflegeheim hat jetzt "Untermieter"

30. Oktober 2003, 19:49
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Ein Pflegeheim, das wegen Vernachlässigung der Insassen geschlossen wurde, beherbergt zwei Jahre später wieder pflegebedürftige Menschen

Würmla/St. Pölten - Vor zwei Jahren war im privaten Pflegeheim Marien-Villa im niederösterreichischen Würmla "Gefahr im Verzug". Gefahr für die damals 36 Heiminsassen, unter ihnen bettlägerige Pflegebedürftige, die - wie der Leiter der Landesabteilung für Heime, Otto Huber, schilderte - in "von außen abgesperrten Zimmern ohne Glocke" und "ohne qualifiziertes Personal in der Nachtdienstzeit" untergebracht waren.

Am 23. August 2001 wurde das Heim wegen der "skandalösen Zustände" von Beamten der Landesregierung geschlossen, gegen die Betreiberin Anzeige erstattet. Die Insassen wurden in andere Pflegeeinrichtungen verlegt: Ein endgültiges Aus, wie es schien - doch heute wohnen erneut zwischen sieben und zehn Pfleglinge - in der Regel Senioren - an der Würmlaer Adresse.

"Hier ist kein Pflegeheim mehr. Wer bei uns lebt, ist Untermieter und organisiert sich seine Pflegeleistungen selber", zieht die Betreiberin von früher im Gespräch mit dem Standard einen Trennstrich zur Periode vor zwei Jahren. Als Hauptmieter des ganzen Gebäudes, so erläutert sie, firmiere neuerdings der "Verein für gelebte Menschlichkeit", ein Rechtsträger, der "von den Angehörigen selbst gegründet" worden sei.

"Richtige Familie"

Überhaupt gehe es in dem Haus "wie in einer richtigen Familie" zu. Man leiste einander "auch gegenseitig Hilfe" - und das bei Mietkosten "nicht über 1600 Euro pro Monat".

Sowie ohne jede Aufsicht von außerhalb, wie es Landesheimverantwortlichen Huber auf Befragen bitter aufstößt. "Vor zwei Jahren konnte das Heim - eine offiziell anerkannte Pflegeeinrichtung - auf der Basis des Landessozialhilfegesetzes geschlossen werden. Jetzt gilt dort nur das Mietrecht. Wir haben keinen Zugriff mehr", umreißt er die verzwickte Lage.

Versuche, sich an der Vereinsadresse Zutritt im verschaffen, seien seinen Beamten von der Betreiberin per Anwalt "verwehrt worden". Derzeit prüfe die zuständige Bezirkshauptmannschaft Tulln Beschwerden eines Ex- Mitarbeiters und von Angehörigen ehemaliger pflegebedürftiger "Untermieter" über die aktuellen Zustände im Haus. Vielleicht werde deshalb bald Anzeige erstattet. "Wir sind an der Sache dran."

Nicht nah genug, wie Niederösterreichs Grünen-Gesundheitssprecherin Helga Krismer betont. Es werfe "ein bezeichnenden Bild auf die Situation", wenn "Vertreter der Landesheimabteilung und der niederösterreichischen Pflegeanwaltschaft nicht in das Heim hineinkommen". Zumal die Grünen Informationen hätten, wonach sich auch "schwer pflegebedürftige alte Menschen" in dem Haus befänden. Und sich an der Ausstattung der Zimmer ebenso wie an der Qualität der ausgeübten Pflege "seit vor zwei Jahren nichts geändert hat". (Irene Brickner, Der Standard, Printausgabe, 18.10.2003)

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