"Der Aachener Dom hat in einem kräftigen Rot dagestanden"

27. Oktober 2003, 18:17
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Überraschende Ergebnisse der Begleitforschung zu den Sanierungsarbeiten - damalige Statik-Kenntnisse höher als angenommen

Aachen - Der Aachener Dom war nach neuesten Forschungsergebnissen zur Zeit Karls des Großen (747-814) rot verputzt. "Wir haben zum ersten Mal nachweisen können, dass der Dom großflächig verputzt war", sagte die Bauforscherin Ulrike Heckner vom Rheinischen Amt für Denkmalpflege am Montag in Aachen. Die Färbung sei durch die Beigabe von rotem Ziegelmehl in den Mörtel erreicht worden. Die Sanierung des 1.200 Jahre alten, heute unverputzten Mauerwerks wird von Forschungsarbeiten der Denkmalpfleger flankiert.

"Der Aachener Dom hat in einem kräftigen Rot dagestanden - eine kaiserliche und imperialistische Farbe", sagte Heckner. Reste dieses Putzes hätten die Fachleute bei ihrer Bestandsaufnahme von rund 60.000 einzelnen Steinen am Kernbau, dem Oktogon, gefunden. Bei den Arbeiten seien Material, Schäden und Baualter untersucht und in farbig angelegten Plänen dokumentiert worden.

Alte Handwerkskunst

Achtung zollten die Fachleute dem fast unverwüstlichen Mörtel, den Karls Baumeister verwendeten: "Es war ein sehr guter Mörtel", sagte Dombaumeister Helmut Maintz. Das beigemischte Ziegelsplittmehl habe entscheidend zur Haltbarkeit beigetragen. Zur laufenden Sanierung der Fugen werde aber nicht diese Mörtelmischung verwendet, sondern eine spezielle Entwicklung, die den besonderen Anforderungen beim Nachfugen entspreche.

Forschungsergebnisse am Kuppelbau stellen die Fachleute vor Rätsel: Karls Bauherren müssen vor 1.200 Jahren bei der Konstruktion des mächtigen Baus über Statikkenntnisse nach heutigem Stand verfügt haben. Damit die 30 Meter hohe Kuppel das unterliegende Mauerwerk nicht auseinanderdrückte, legten sie am Kuppelansatz drei Ringverankerungen an. Nach jetzigen Erkenntnissen sei das der erste große bekannte Ringanker in einem europäischen Bauwerk.

Gewusst wie - doch woher?

Neue statische Berechnungen bewiesen eine präzise Dimensionierung und Positionierung. "Diese Bauweise muss sich auf ein Wissen stützen, von dem wir nicht wissen, wo es herkommt", sagte die Bauforscherin Heckner. Die Römer schieden als Wissensträger aus: Die hätten bei ihren Kuppelbauten keine Ringanker verwendet.

Nach 1.200 Jahren sind die komplizierten Eisenkonstruktionen von der Feuchtigkeit angegriffen. "Wir wissen, dass es starke Rostschäden gibt, haben aber keine Möglichkeit, den Anker im Mauerwerk zu behandeln", sagte Dombaumeister Helmut Maintz. Zur Sicherheit werde deshalb an der Kuppel ein "Reserveanker" aus Spezialstahl auf dem Mauerwerk verlegt. (APA/dpa)

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