"Das ist Österreich"

28. Oktober 2003, 07:00
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Persönlichkeitstest im ORF: Ominöse Samstagabendshow mit saurem Beigeschmack - dafür gibt es eine Zitrone

Jetzt wissen die ÖsterreicherInnen also, wer sie wirklich sind. Zumindest etwa 746.000 von ihnen. Eine wirklich beeindruckende - oder besser eine bedenkliche - TeilnehmerInnenschar, die da gegen die Angabe von Geschlecht, Alter, Wohnort ihren "einzig zutreffenden" Persönlichkeitstyp beim "Großen Persönlichkeitstest" des ORFS erfahren hat.

War ja nichts weiter vonnöten, als übers Handy (wiederum Weitergabe von persönlichen Daten) oder übers Telefon (dito) oder Internet (auch recht aufschlussreich) einen 70-stelligen Zahlencode durchzugeben. Und hinter diesen siebzig Ziffern standen natürlich die siebzig Fragen, die da erst mal beantwortet werden mussten und eine breite Palette an Prinzipen und Ansichten eines Individuums abfragten.

Den Ösi-DatenabgeberInnen sei einfach Samstagabend-Fadesse unterstellt und Spaß am Teste-dich-Spielchen, und nicht die unschöne Hoffnung, sich endlich selbst in eine Schublade stecken zu können. Und Gedankenlosigkeit. Denn was könnte nicht alles fein mit diesem Wust an Daten angestellt werden. Es ergäben sich sicher zahlreiche Möglichkeiten der Verwertung.

Denn vorrangig ist dieser wissenschaftliche Test keiner, der eine/r selbst auf die Sprünge hilft, sondern ein Instrument für das Management, das die Fertigkeiten, die Leistungstypen der ArbeiterInnen anhand der Auswertungen aufgeschlüsselt zu bekommen hofft. Halt. Nicht hofft. Die Resultate des "Keirsey Temperament Sorter" werden ernst genommen und dazu eingesetzt, Unternehmen zu strukturieren, das "Humankapital" zu organisieren. Die Bereitschaft des "AdvisorTeams" aus den USA, die die Nutzungrechte über den Test haben, das Instrument auch dem ORF in die Hand zu geben, ist nicht erstaunlich, ist ja ihr Job und den machen sie sorgfältig. Auf der "ganzen Welt wird er zur Beurteilung von Jobbewerbern im oberen und mittleren Management verwendet. 30 Millionen Menschen haben den Test bereits gemacht, 500 renommierte Unternehmen und große Universitäten in der Welt haben ihn angewandt." Auch die US-Regierung und das Militär. Das Unternehmen behält sich vor, die erhaltenen Daten für Analysen und interne Berichte, wissenschaftliche Erhebungen und für ihre Geschäftspartner zu verwenden.

Nicht, dass der ORF die erhobenen Daten weitergeben würde... Sein Ziel hat er mit einem enormen Reichweitenanteil (bei jungen Frauen bis zu 73 Prozent) schon erreicht, die Show rangiert nach der "Millionenshow" und "Starmania" an Platz drei der erfolgreichsten Sendungen 2003. Ominös bleibt das ganze dennoch.

Aber die ÖsterreicherInnen lassen sich laut offizieller statistischer Auswertung durch nichts noch so Ominöses leicht erschüttern. Außer durch Veränderungen und Abweichungen, aber das müssen sie bei den geschlechtsspezifischen Ergebnissen des Tests hierzulande nicht befürchten: die Männer sind die Anführer, die Frauen die Versorgerinnen. (bto)

28.10.2003
  • ORF-Moderatorin Dodo Roscic führte durch  die Datenerheb.., ups, Show.
    foto: standard/orf/leitner
    ORF-Moderatorin Dodo Roscic führte durch die Datenerheb.., ups, Show.
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