Bomben zu Beginn des Ramadan: Mindestens 42 Tote

28. Oktober 2003, 18:31
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Serie von Selbstmordattentaten trifft auch Sitz des Internationalen Roten Kreuzes

Im Zentrum von Bagdad war am Montag um fünf nach halb neun am Morgen eine gewaltige Explosion zu hören. Dicker schwarzer Rauch stieg beim Hauptquartier des Roten Kreuzes auf. Dort bot sich ein Bild der Verwüstung: brennende Autos, Rauch, Staub,Trümmer. Rotkreuz-Mitarbeiter, die dem Inferno entkommen waren, standen fassungslos vor der ramponierten Fassade ihres Arbeitsplatzes.

Nadia Hamdan, Mitarbeiterin der Kommunikationsabteilung, war gerade im Bus zur Arbeit unterwegs, als sie die Explosion hörte. "Ich bin schockiert", sagte sie. "Wir wollen doch nur Menschen helfen. Wem soll das nützen?"

Neuerliche Explosionen in Bagdad

Ein Selbstmordattentäter fuhr einen mit Sprengstoff gefüllten Krankenwagen auf das Rotkreuz-Gebäude zu. Mindestens zwölf Menschen starben, darunter ein Sicherheitsmann, den Nadia Hamdan jeden Morgen gegrüßt hat. Die Opfer waren alles Iraker. Nicht nur das Rote Kreuz, auch andere UNO- und Hilfsorganisationen haben schon lange ihr ausländisches Personal aus dem brandgefährlichen Irak abgezogen. Iraker, die schon jahrelang für sie tätig sind, tun die meiste Arbeit.

Der Beginn des Fastenmonats Ramadan hat hier möglicherweise Schlimmeres verhindert. Viele Bedienstete kamen deshalb ein wenig später zur Arbeit. Auch schaffte es der Attentäter nicht ganz bis zum Gebäude. Dieses ist nämlich, anders als die Objekte der Amerikaner, nicht von Betonmauern umstellt. "Wir wollen uns nicht von der Bevölkerung abkapseln", erklärte Hamdan.

Doch der Anschlag dort war nur einer von fünf, die zwischen 8.30 und 9.15 Uhr Bagdad erschütterten. Die anderen vier galten Polizeiwachen. Der Blutzoll war schlimm: mindestens 42 Tote und 224 Verletzte. Die von den Amerikanern wieder aktivierte irakische Polizei gilt den Terroristen als Truppe von Kollaborateuren. Doch unbeteiligte Zivilisten bildeten am Montag das Gros der Opfer: 26 Tote und 159 Verletzte. Am späteren Nachmittag erschütterte dann eine neue Explosion das Zentrum von Bagdad – wem dieser Anschlag gegolten hatte, war zunächst nicht bekannt. Ein weiterer Anschlag wurde indes vereitelt. In Neu-Bagdad eröffneten Polizisten rechtzeitig das Feuer auf den nahenden Selbstmordattentäter. Dieser wurde verletzt und konnte verhaftet werden. Bei ihm wurde ein syrischer Reisepass gefunden.

"Ausländische Djihadisten"

Daraus lässt sich mit großer Wahrscheinlichkeit ableiten, dass die beispiellose Serie so genannten "Djihadisten", Gotteskämpfern aus benachbarten Ländern wie Syrien und Saudi-Arabien, zuzuschreiben ist. Diese sickern seit dem Zusammenbruch der irakischen staatlichen Strukturen nahezu ungehindert ins Land ein. Immerhin ordnet jetzt auch das US-Militär der Involvierung der ausländischen Gotteskämpfer eine neue Qualität zu. "Wir haben heute ein neues Element", meinte General Mark Hertling, Vizekommandeur der für Bagdad zuständigen 1. US-Panzerdivision. "Es gibt Anzeichen, dass ausländische Kämpfer beteiligt sind."

Die Suizidbomber sind nicht die einzige Quelle der Destabilisierung im Irak. Der Anschlag auf das Hotel Raschid am Sonntagmorgen, als dort gerade der US- Vizeverteidigungsminister Paul Wolfowitz logierte, trug eine völlig andere Handschrift. Mindestens zehn Raketen aus einer selbst gebauten "Stalinorgel" trafen die Westfront des Hotels. Die Täter, die mit einem Zeitzünder operierten, konnten unversehrt entkommen. Obwohl die Technik einfach und improvisiert war, mussten es vom Ablauf her Leute gewesen sein, die etwas vom Artilleriehandwerk verstehen – wahrscheinlich Profis aus Saddams verschwundener Spezialgarde.

Es ist die brisante Mischung aus all dem – demobilisierte Saddam-Heere, ausländische Gotteskämpfer, ob ihres inbrünstigen Glaubens leicht entflammbare Schiiten und eine zunehmend ungeduldige Bevölkerung –, die den US-Besatzern noch schwere Prüfungen auferlegen wird. (DER STANDARD, Printausgabe, 28. 10. 2003)

Von Gregor Mayer aus Bagdad
Links

CNN

BBC

Al Jazeera

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Bagdad ist am Montag von neuen Explosionen erschüttert worden. Vor dem Sitz des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz explodierte eine Autobombe.

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    Der Anschlag auf die Polizeistation hinterließ einen riesigen Krater

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