Die Welt der Nacherzählung

27. Oktober 2003, 12:01
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Dankesrede von Alexander Kluge, dem am Samstag der Büchner-Preis verliehen wurde - Ein Kommentar der anderen

Am Samstag erhielt Alexander Kluge den Büchner-Preis: "Wo immer wir durch seine Prosa etwas sehen, sehen wir eine Lücke im Weltgewebe", sagte Jan Philipp Reemtsma in einer Laudatio auf den Dichter, dessen Dankesrede wir in Auszügen veröffentlichen.

Bücher, das ist für mich nicht das bedruckte Papier. Sie sind Landkarten menschlicher Erfahrung. Für mich selbst sind Bücher die Verbindung zu Autoren, zu deren Texten ich Vertrauen habe – zu Büchner-Preisträgern etwa, wie Heiner Müller, Gottfried Benn, Durs Grünbein, Ingeborg Bachmann, zu Proust, Joyce, Robert Musil, zu Kleist, Montaigne, Madame de La Fayette bis hin zu Ovid.

Das ist wie ein zweites Gemeinwesen. In einer Zeit, in der wir nicht wissen, wie reißfest die Wirklichkeiten sind, sind Netzwerke über 2000 Jahre, wie sie die Bücher darstellen, kein Luxus, kein Freizeitbedarf, sondern notwendiges Überlebensmittel. Es ist diese Vertrauenswürdigkeit, wegen der ich die Bücher allen anderen Medien vorziehe.

Den Begriff Literatur kennen wir etwa seit 1800. Das Erzählen ist älter und eine wesentlich weitere Vorstellung. Wenn ein Kind nicht einschläft, wird erzählt. Nach einem Luftangriff oder in der Notzeit nach 1945 erzählen Menschen verstärkt. Unsere keltischen Vorfahren, der Held Asterix, sind geborene Erzähler. Zu diesen Rohstoffen soll die Literatur immer erneut vordringen. Einige solcher Rohstoffe funktionieren über das Ohr, nur mündlich. Meine Lieblingsgeschichte besteht aus einem Bild in Chronik der Gefühle: Ein Lastwagenfahrer, blind, fährt seit einem halben Jahr auf den Straßen der Stadt. Er will nicht arbeitslos sein. Sein neunjähriger Sohn, neben ihm, erklärt, wo es langgeht. Die Kommunikation beruht auf Vertrauen, über das Ohr verknüpft. Es funktioniert gegen alle Wahrscheinlichkeit.

Einen Leser stelle ich mir bildlich in der Dämmerung unter einer Lampe sitzend vor, allein lesend. Zwei Intimitäten, die des Autors, die des Lesers, korrespondieren miteinander. Ihr Thema heißt: gemeinsame Erfahrung. So bilden sie (mit vielen anderen) die Öffentlichkeit der Bücher: Ich bin allein, aber ich bin nicht wirklich allein.

Die Robinson-Inseln der einzelnen Lebensläufe

Die unmittelbaren Erfahrungen werden fast immer persönlich gemacht. Der Löwenanteil davon entsteht in den Beziehungs-, Liebes- und Familienverhältnissen und in den Arbeitsbereichen. Sozusagen auf den Robinson-Inseln der einzelnen Lebensläufe. Werden sie in Öffentlichkeit übersetzt, so tritt ein Zusatz an Selbstbewusstsein hinzu. Es entsteht selbstbewusste öffentliche Erfahrung.

Dafür braucht jede Epoche, jedes Jahrzehnt, neue Ausdruckserfahrungen, andere Erzählräume.

Büchner beschreibt in den ersten Zeilen seines Lenz einen Menschen, der es in "kalter Resignation" nicht aushält, einen Umstürzler:

"Den 20. ging Lenz durchs Gebirge. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen. Es war nasskalt, das Wasser rieselte die Felsen hinunter und sprang über den Weg. Die Äste der Tannen hingen schwer herab in die feuchte Luft. Am Himmel zogen graue Wolken, aber alles so dicht, und dann dampfte der Nebel herauf und strich schwer und feucht durch das Gesträuch, so träg, so plump. Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nichts am Weg, bald auf-, bald abwärts. Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte."

Von diesen Zeilen bis zum lakonischen Schlusssatz, "So lebte er hin", geht es in dieser Erzählung um ein unverwechselbares Lebensgefühl.

Eigensinn bis an den Galgen

Büchners Erzählung beschreibt den umgekehrten Vorgang zu Kleists Michael Kohlhaas. Dessen Eigensinn geht nach außen bis an den Galgen. Er würde lieber (wie ein Terrorist) die Welt zerstören, als aufzugeben. Die Energie von Lenz bei Büchner geht nach innen, bis der Mensch äußerlich still aussieht. Das ist die inwendige Zerstörung, zugleich die stärkste Ballung von Subjektivität.

Radikaler als diese Erzählungen können wir auch heute nicht schreiben. Büchners und Kleists Radikalität brauchen wir aber, wenn wir versuchen, die veränderte (inflationierte) Wirklichkeit im Erzählraum unseres Jahrhunderts abzubilden.

Globalisierung im Jahr 2003

Wie beschreibt man im Jahr 2003 zum Beispiel die Globalisierung? In gewisser Hinsicht ist das ein antipoetisches Phänomen. Das Poetische baut auf einem sinnlichen Material, das der Autor und der Leser gemeinsam haben. Autor und Leser nehmen jedoch an der Globalisierung kaum teil, sie erfahren nur ihre Folgen.

Ich berichte dazu von einer wahren Geschichte:

In Frankfurt/Main war ein Mann in einer Großbank in leitender Stellung tätig. Weite Gebiete von Westafrika lagen im ökonomischen Herrschaftsbereich dieser Bank. Zur Winterzeit lernte dieser leitende Mann, ein Globalisierer, eine Prostituierte kennen, die aus genau jenem westafrikanischen Gebiet nach Frankfurt gekommen war. Er verliebte sich. Die Beziehung entwickelte sich für alle Beteiligten verwirrend. Kurz vor Heiligabend führte sie zum Tod des mächtigen Mannes. Wer aber war hier der Mächtige?

Etwas zwischen Herrschern und Beherrschten zeigt sich als mächtig, ein subjektiv-objektives Schicksal. Aus vielen solchen Geschichten lässt sich Globalisierung beschreiben, kaum aus einer einzelnen.

Man kann Büchners Werk weder durch Begriffe noch durch ihren thematischen Inhalt charakterisieren. Man kann nichts bei ihm von der BESONDEREN FORM trennen. Trotzdem kreist, was ihn interessiert, um gravitative Felder: die misslingende Revolutionierung der Menschen (in Dantons Tod), die Durchdringungskraft der naturerkennenden Interessen (in seinen wissenschaftlichen Texten) und die Erschütterung über Lebensschicksale, die, wie es Edgar Allan Poe nennt, der VERDREHTHEIT, oder wie Marx es nennt, der ENTFREMDUNG unterliegen.

In einer Szene von Dantons Tod sehen wir Danton und seine revolutionären Gefährten in einem Gespräch über den Schmerz und den Tod. Die Welt, heißt es, zeigt Risse, die auch bei positivem Verlauf der Revolution nicht gekittet werden könnten: "Schafft das Unvollkommene weg, dann allein könnt ihr Gott demonstrieren; Spinoza hat es versucht. (. . .) Warum leide ich? Das ist der Fels des Atheismus. Das leiseste Zucken des Schmerzes, und rege es sich nur in einem Atome, macht einen Riss in der Schöpfung von oben bis unten."

Das ist extrem und seismografisch. Dantons Ausbruch bezeichnet den "Antirealismus des Gefühls". In uns Menschen wendet sich ein Eigensinn gegen Wahrnehmungen, wenn diese Zeichen einer unmütterlichen Realität sind. Diese antirealistische Partei im Menschen muss auf der Seite der Emanzipation, der Aufklärung stehen, andernfalls misslingt sie.

Realitätsriss angesicht von 9/11

Diese starke Leugnungskraft im Menschen bewirkt auch das, was man einen Realitätsriss nennt. Wenn Menschen in Sand- und Stahlmassen in Hochhäusern zermalmt werden und aus den Trümmern noch mehrere Stunden lang Handys zu hören sind, dann ist dies ein solcher Riss im Sinne Büchners, und der Riss ist produziert aus dem Menschengefühl, dass Schmerz nicht sein soll.

Bücher sind weder Schonkost, noch sind sie Trostmittel. Aber ihr Netzwerk tröstet. Vor seinem Tod kaufte Heiner Müller – seine erste Operation hatte er hinter sich, ich bin sicher, dass er wusste, dass er nicht mehr lange leben wird – in Kalifornien ein seltsames Buch: eine Übersetzung von Ovids Metamorphosen aus dem Lateinischen, übersetzt in englische Blankverse, etwa 300 Jahre alt.

Dieses Buch führte er zuletzt immer mit sich, und eigentlich sollte eine Serie von Theaterstücken aus dieser Wurzel entstehen. Solche Bündnisse über die Zeiten bilden die Mehrheit, an die in unserer zweiten WELT DER NACHERZÄHLUNG ich innig glaube, weshalb ich Bücher für eine Gottesgabe halte und für die Schlüssel zu einer Öffentlichkeit, an der wir, möglicherweise ohne es zu wissen, längst gemeinsam arbeiten. (DER STANDARD, Printausgabe, 27. 10.2003)

Zur Person

Alexander Kluge, geboren 1932 in Halberstadt, ist als Autor, Filmemacher und Weg- bereiter des Neuen Deutschen Kinos ebenso einflussreich wie als Gestalter und Produzent der unabhängigen TV-Magazine "10 vor 11", "News & Stories" und "Prime-Time"- Spätausgabe in RTL und Sat.1. 1962 las er erstmals in der Gruppe 47 aus seinem Buch "Lebensläufe". Sein gesammel- tes Erzählwerk erschien 2000 als "Chronik der Gefühle" bei Suhrkamp, gefolgt von weite- ren 500 Kluge-Geschichten, die derselbe Verlag vor kurzem unter dem Titel "Die Lücke, die der Teufel lässt" publizierte.

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