Mit Plattform "Wir sind Kirche" ins Gespräch kommen

27. Oktober 2003, 14:45
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Innsbrucks neuer Bischof Manfred Scheuer sieht sein Amt im STANDARD-Interview als politische Aufgabe

Standard: Sie haben das Bischofsamt als politische Aufgabe bezeichnet. Wie wirkt sich das auf Ihre Amtsführung aus?

Scheuer: Nicht unbedingt im politischen Alltag. Das Bischofsamt hat sich mit demokratischen Mitteln in ethische und politische Diskurse einzubringen, wenn es etwa um Fragen der Gerechtigkeit und Menschenwürde oder um den Schutz des Lebens geht. Wann beginnt das Leben, was darf man mit Embryonen tun, was heißt in Menschenwürde sterben? Das sind persönliche Fragen, die aber auch eine rechtliche Gestaltung brauchen.

Standard: Ihre beiden Vorgänger haben sich in die Transitdebatte eingebracht - werden Sie das auch tun?

Scheuer: Der Lebensraum ist eine existenzielle Frage, da geht es um die Gestaltung des Menschseins und der sozialen Beziehungen. Das Recht auf freien Warenverkehr oder die Reisefreiheit müssen sich befragen lassen, ob sie nicht das Recht auf Lebensraum teilweise gefährden.

Standard: Eines Ihrer Vorbilder ist Franz Jägerstätter. Sind Sie ein widerständiger Mensch?

Scheuer: So würde ich mich nicht bezeichnen. Ich denke, dass ich nicht so leicht zu vereinnahmen bin und mich auch verweigern kann. Aber das tue ich meist sehr leise.

Standard: Wie sieht es mit dem Widerspruch innerhalb der kirchlichen Hierarchie aus?

Scheuer: Wenn Menschen der Überzeugung sind, dass sie ihre Anliegen der Hierarchie gegenüber artikulieren müssen, ist nach dem Kirchenrecht Kritik und Widerspruch ihr Recht und ihre Pflicht.

Standard: Was heißt das für Ihre Rolle, die Sie als Mittler zwischen Orts- und Weltkirche formuliert haben?

Scheuer: Ich denke, dass es nötig ist, auch das zur Sprache zu bringen, was die Ortskirche kritisch bewegt, ihre Nöte zu formulieren und auch gegenüber Rom weiterzugeben.

Standard: Und Widerspruch gegen staatliche Autorität?

Scheuer: In einem demokratischen System ist es möglich, sich auf legale Weise einzubringen. Aber es gibt Mehrheitsentscheidungen, die nicht Ausdruck einer Orientierung an Menschenwürde und Menschenrecht sind, sondern mehr eines Verblendungszusammenhanges. Dann ist es wichtig, dass Einzelne prophetisch aufstehen und den Widerstand eine Zeit auch gegen die Mehrheit durchhalten. Denn über kurz oder lang kristallisiert sich heraus, dass menschenverachtende Entscheidungen nicht zielführend sind.

Standard: Die Plattform "Wir sind Kirche" wurde und wird maßgeblich von Mitgliedern Ihrer neuen Diözese geprägt. Welches Verhältnis streben Sie zu diesem Personenkreis an?

Scheuer: Ich möchte mit ihnen ins Gespräch kommen. Beim Kirchenvolksbegehren gilt es wahrzunehmen, in welcher gesellschaftlichen und kirchlichen Situation es zustande kam. Es hatte sich sehr viel aufgestaut, das brauchte auch ein Ventil. In Hinblick auf konkrete Inhalte kann und muss man streiten.

Standard: Sie haben einmal gesagt: "Unsere Liturgie ist fad." Was wäre zu ändern?

Scheuer: Die deutschsprachige Liturgie ist in ihren Ausdrucksformen eher eindimensional. Ich würde mir wünschen, dass sie mit Leib und Seele realisiert wird. Wir sollten der Musik im Gottesdienst wieder größere Aufmerksamkeit schenken. Es gibt auch die Kritik, die Liturgie sei zu einer rein pädagogisierenden Form verkommen. Das sehe ich nicht unbedingt so, Liturgie darf aber nicht auf erzieherische Maßnahmen reduziert werden. Man stelle sich vor, das Osterfest würde nur noch auf einem moralischen Appellplatz mitgeteilt und nicht mehr gefeiert werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.10.2003)

Das Gespräch führte Hannes Schlosser
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    Der 48-jährige Manfred Scheuer stammt aus Haibach (Oberösterreich) und war zuletzt Ordinarius für Kirchengeschichte in Trier. Schwerpunkt seiner Forschungstätigkeit waren die theologischen Fragen "Glaube als Widerstand" sowie "Gedächtnis der Opfer und Täter". Scheuer war maßgeblich an der Seligsprechung des Kriegsdienstverweigerers Franz Jägerstätter beteiligt. Am 14. Dezember wird er zum Bischof der Diözese Innsbruck geweiht.

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