Chopin und Volksmusik als Substrate

30. Oktober 2003, 22:20
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Urszula Dudziak und Kuba Stankiewicz bei der polnischen Jazzwoche in Graz

Graz - Ganz so arg wie mit den Tango-närrischen Finnen ist es nicht. Doch verblüffen tut es, das mit "Begeisterung" nur ungenügend beschriebene Verhältnis der Polen zum Jazz. Das begann schon in den 50ern, im poststalinistischen Tauwetter, als in Zopot und mit dem Warschauer Jazz-Jamboree die ersten osteuropäischen Festival abgehalten wurden - Jahre vor der ersten ähnlichen Veranstaltung in Österreich. Heute manifestiert sich dieser Enthusiasmus im Umstand, dass polnische Jazzmusiker (wie 2002 Trompeter Tomasz Stanko für Soul of Things) mit hierzulande völlig utopischen Goldenen Schallplatten prämiert werden.

Es entbehrt also nicht einer gewissen Zwangsläufigkeit, dass sich das Land im Reigen der Jazz-Länderschwerpunktwochen im Rahmen des Kulturhauptstadtprogramms in Graz findet, wenngleich nach einer großen Veranstaltungswelle Ermüdungserscheinungen auszumachen sind. "Die Luft ist ein etwas draußen", so Mitveranstalter Otmar Klammer, der auf die ausverkauften ersten vier Events verweist.

Beim Trio von Saxofonist Mikolaj Trzaska und den Bass-Schlagzeug-Brüdern Marcin und Bartlomiej Oles verloren sich dagegen nur zwei Hand voll Zuhörer ins M59. Geschmackssicher ausbalancierten, in Richtung "Folklore imaginaire" orientierten Kammerjazz, der zum energetischen Free-Bop vorstieß, konnte man da vernehmen, gipfelnd in einer ergreifenden Version von Ornette Colemans Lonely Woman.

Dass die Volksmusik für den polnischen Jazz weiterhin als unerschöpfliches Substrat von Relevanz ist, wurde auch deutlich: Im Falle des "Chopin Songbooks" des Quintetts um Pianist Kuba Stankiewicz und Sängerin Inga Lewandowska fand sich jene Tradition gleichsam durch die stilisierten Lieder des romantischen Piano-Poeten gefiltert: Zwischen den Bop- und Jazzrock-Arrangements blieb die Vorlage über eine lyrische Grundstimmung hinaus kaum erkennbar; als Höhepunkt sei "The Handsome Lad" erwähnt, dargeboten von der in ihrer Zartheit, Klarheit gestalterisch etwas passiv wirkenden Lewandowska.

Als vokale Antipodin gerierte sich eine Dame, bei der es sich um Lewandowskas Mutter hätte handeln können. Urszula Dudziak gab sich als Energiebündel, das rasante Scats schleuderte und die freien Vokalisen und Sprachgeräusche punktgenau in den Groove legte. Da bekümmerte es kaum, dass sie ihrer Crew nicht mehr so junge, von Volksmusikelementen durchsetzte Fusion-Hadern von Ex-Ehemann Michal Urbaniak vorsetzte - das zu diesem Termin dann doch wieder zahlreich erschienene Publikum nahm's mit Humor. (DER STANDARD, Printausgabe, 27. 10.2003)

Von
Andreas Felber
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