Mehr Anzeigen, weniger Aufklärung

30. Oktober 2003, 15:34
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Eine Statistik, die laut Ministerium noch gar keine ist, führt zu Kontroversen über Kriminalität und Sicherheit - Zehn Prozent mehr Anzeigen - Minister Strasser wehrt ab

Innenminister Ernst Strasser (ÖVP) sprach von einem Erfolg im Kampf gegen die steigende Kriminalität. "Binnen sechs Wochen" nur sei dem Leiter der Wiener Kripo, Roland Horngacher, eine "Trendumkehr" gelungen: Der "Herausforderung durch Kriminelle aus Rumänien, der Ukraine und Weißrussland" werde Paroli geboten.

Das verkündete der Minister am vergangenen Donnerstag im "ZiB 2"-Interview. Von neuen Statistiken über steigende Kriminalitätszahlen wollte er nichts gehört haben: "Welche Zahlen? Ich kenne diese Zahlen nicht", fragte er leicht irritiert.

Die Antwort erhielt er tags darauf, als ein Nachrichtenmagazin und der Oberösterreichs SP-Landesparteichef Erich Haider Daten aus einer brandaktuellen, noch nicht veröffentlichten Statistik verkündeten. Demnach sind in ganz Österreich zwischen Jänner und August 2003 "um zehn Prozent" mehr Straftaten zur Anzeige gekommen als im Vergleichszeitraum des Vorjahres: insgesamt 424.148, um rund 60.000 mehr als von Jänner bis September 2002. Dabei besonders im Trend: Drogendelikte, Einbruch, Raub und Diebstahl.

Trickdiebstahl

"Gewisse Formen des Trickdiebstahls, wie sie heute zunehmen, hatten wir vor wenigen Jahren noch als ausgestorben betrachtet", meint dazu Arno Pilgram, Leiter des Wiener Instituts für Kriminalsoziologie im STANDARD-Gespräch. Das zeige sich in Wien (19,5 Prozentpunkte Anzeigenplus) und Niederösterreich (plus 10,1).

Laut neuer Statistik um 2,3 Prozentpunkte auf unter 40 Prozent gesunken ist hingegen die Aufklärungsquote. Dies sei das "unmittelbare Ergebnis der Kürzungs- und Kahlschlagpolitik des Innenministers", meinte - als einer von mehreren SPÖ-Politikern - der niederösterreichische SP-Sicherheitssprecher Hermann Findeis; in Niederösterreich stehen derzeit noch neun Zusammenlegungen von Bezirksgendarmeriekommanden an. Wiens Bürgermeister Michael Häupl forderte erneut "1000 zusätzliche Polizisten" für die Bundeshauptstadt

Im Büro Strasser war man am Sonntag um Beruhigung bemüht: "Dass die Kriminalität zunimmt, ist klar. Die Frage ist jedoch, ob sie wirklich so rasant steigt", meinte Pressesprecher Manfred Rauch. Nicht zu unterschätzen nämlich sei der statistische Faktor: "Wir haben derzeit ein neues Computersystem im Testbetrieb, das leider auch unbereinigte Daten in die Statistik fließen lässt."

Statistisches Plus

Zudem würden seit 2001 "sämtliche Delikte, die einer konkreten Person zur Last gelegt werden, in die Statistik aufgenommen. Davor war es üblich, nur das schwerste zur Last gelegte Delikt zu zählen", ergänzt Kriminalsoziologe Pilgram, Bei einem Raub samt anschließendem Handgemenge mit Polizisten sei früher also "nur der Raub, nicht - so wie heute - auch der ,Widerstand gegen die Staatsgewalt' statistisch relevant geworden".

Mit Lösungsvorschlägen schnell zur Hand hingegen war Helene Partik-Pablé, Sicherheitssprecherin der FPÖ. Sie forderte einen "Sicherheitsgipfel und erinnerte an die "FP-Forderung, für Rumänen wieder die Visumspflicht einzuführen". (bri/DER STANDARD; Printausgabe, 27.10.2003)

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    "Gewisse Formen des Trickdiebstahls, wie sie heute zunehmen, hatten wir vor wenigen Jahren noch als ausgestorben betrachtet", heißt es von dem Leiter des Wiener Instituts für Kriminalsoziologie

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