Der Erzengel als Höllenhund

26. Oktober 2003, 18:53
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Ronald Pohl

Wien - Der böhmakelnde Domestik Theodor, der einer landadeligen Sippe pikierter Müßiggänger am Vorabend des Ersten Weltkriegs aufzuwarten vorgibt, steht als Erzengel mit flammendem Schwert am Tor zu etwas Überlebensgroßem - zu jenem "Ganzem", über das er die "Aufsicht" zu führen beansprucht, wovon ihn aber die moralische Laxheit seiner Herrschaft abtrennt.

Es versteht sich zu Anfang des 21. Jahrhunderts durchaus nicht von selbst, worin dieses Große, Geheiligte jemals bestanden haben könnte - außer dass es mit Hugo von Hofmannsthals rückwärts gewandter Utopie vom fröhlichen Völkerkerker zu tun hat, in dem die europäischen Zünfte und Stände gleichberechtigt Umgang miteinander pflegen: bis dass die verhasste Revolution sie scheidet. (Und so kam es im November 1918 schließlich auch!)

Im Wiener Burgtheater, wo der Ostberliner Starregisseur Thomas Langhoff jetzt den Unbestechlichen von Hugo von Hofmannsthal wie einen Geschichtskalender inszeniert hat, mit unendlich hohen Plattenbau-Fensterfronten an den Breitseiten des Guckkastens (Bühne: Roland Gassmann), dürfen Hofmannsthals hold erschlaffte Edelkakanier ein verwahrlostes Reservat bewohnen - wie ein etwas närrischer, unverbesserlicher Indianerstamm, der am Fuß eines Autobahnzubringers den großen Manitu auf Schönbrunner Deutsch nasal anruft:
Wo er denn abgeblieben sei, der gute Theodor, presst die Baronin (Libgart Schwarz) hervor - jede Sentenz ein köstlicher Brösel von der Demel-Torte, die, halten zu Gnaden, doch auch dem "einfachen Volk" leidlich schmecken soll.

Und weil es das Unheil - oder auch nur die Geschichte des 20. Jahrhunderts - so will, lümmeln die Bedienten, so lange sie sich unbeobachtet wähnen, im Garten herum. Spielen mit den Zehen und hecken vielleicht, auf dem finsteren Grund ihrer "gewöhnlichen" Gärköpfe, den Plan zum gewaltsamen Umsturz aus. Habsburger-Dämmerung, schreit diese Inszenierung. Und ihr öliger, unmanierlicher Barrikaden-Schwätzer ruft vorneweg: "Moral!"

Peter Simonischeks Edelkammerdiener Theodor, ein trotz seines Gardemaßes gedrungenes, verhuschtes Gossen-Raubtier, liest seiner Herrschaft die Leviten: Ein siebenbürgisch daherschwätzender Donau-Tartuffe beschämt die ziegelrot gekleidete Baronin (Libgart Schwarz).

Stiller Dränger

Bedrängt sie mit umständlich hervorgenestelten Schutzbriefen wie mit einem unwiderleglichen Gesellschaftsvertrag. Er nimmt die Kränkung, von der Baronin auf den Kinderstuhl verwiesen zu werden, wie einen Vorgriff auf die "innere Genugtuung", die ihm seine unbehindert vorgetragene Intrige bereiten wird: Er wird die beiden Mätressen des Baron Jaromir zum Teufel schicken - mit verschlagenen, verständnisheischenden Worten wie ein Politkommissar.

Simonischek blickt, am Ziel seiner Wünsche angelangt, wie ein ermattetes Rassetier: Der Pinscher möchte Riesendogge sein. Der Erzengel am Tor zu Hofmannsthals moralischem Himmel: ein Höllenhund. Welch ein Abstand auch zu Josef Meinrads voralpinem Gemüts-Prälatentum.
Somit erzählt Langhoffs jahrhundertübergreifende Unternehmung eigentlich nicht von neurasthenischen Müßiggängern: sondern von Narren, enteignet durch die Widrigkeiten einer blutsaufenden Geschichte.

Ganz schmal und verbissen lippenkauend handelt der erotisch tändelnde, etwas unmanierliche Jaromir (Johannes Krisch) seine liederliche Ménage à trois ab. Die beiden Damen sind sofort hochgradig enerviert - huschen wie Kirchenmäuse unters Bänkchen am Baumstumpf (Alexandra Henkel), sind als mondäne Zierpüppchen (Sylvie Rohrer) schon am Weg ins Lotterfach der komischen Alten.
Am Schluss - die Ehe Jaromirs mit seiner Kräuter sammelnden Gemahlin (Regina Fritsch) im FdJ-Hemd ist notdürftig gekittet - bläst der Letzte die Lichter aus: Theodor, dieser Foltermeister aus den noch zu schreibenden Büchern Aleksandar Tismas, in denen unscheinbare Gutmenschen missliebigen Zeitgenossen gelassen die Knochen brechen - wird sie alle, alle überleben. Das windschiefe, linolbedruckte Haus wird im Morast versinken. Man meint, in der Stille ein gurgelndes Gelächter zu hören. Gemessener Applaus für diese unbedingt interessante Produktion.

Indem er Hugo von Hofmannsthals Komödie "Der Unbestechliche" im Wiener Burgtheater aus der toten Nostalgie-Ecke herausfischt, gelingt Regisseur Thomas Langhoff ein Achtungserfolg. Sein Kammerdiener Theodor alias Peter Simonischek räumt auf.
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