Kruzifix-Streit nach Gerichtsbeschluss

27. Oktober 2003, 21:20
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Italienisches Gericht ordnet Entfernung des Kreuzes in Schulklassen an - Ciampi: "Kreuz symbolisiert unsere Werte" - Aufruhr in katholischen Kreisen

Rom - In Italien ist ein heftiger Streit um religiöse Symbole in den Schulen entflammt. Für einen Eklat sorgte ein am Samstagabend gefälltes Urteil des Gerichts der mittelitalienischen Stadt L'Aquila: Richter Mario Montanaro ordnete die Entfernung des Kruzifixes von der Volksschule an, die von den Kindern des Präsidenten der Moslemischen Union Italiens, Adel Smith, besucht wird. Smith hatte Klage gegen die Schulbehörden eingereicht, nachdem diese ihm verboten hatten, in den Klassen seiner Kinder neben dem Kruzifix Symbole des Islam aufzuhängen.

Kruzifix widerspricht dem Laizismus-Prinzip

Laut dem Gericht von L'Aquila widerspricht das Kruzifix in den Klassen dem Prinzip des Laizismus der italienischen Schule. Das Kreuz nähre Verwirrung in Schülern, die nicht der christlichen Religion angehören. Die italienische Schule dürfe keine Religion "bevorzugen", sondern müsse pluralistisch eingestellt sein.

Regierung will "christliche Wurzeln hervorheben"

Das Urteil des Richters von L'Aquila droht eine Lawine ins Rollen zu bringen. Erst vor wenigen Wochen hatte die italienische Unterrichtsministerin Letizia Moratti im römischen Parlament betont, dass in Schulklassen keine anderen religiösen Symbole als das Kruzifix erlaubt seien. "Die Regierung will in der Schule die Kultur und die Werte unseres Landes hervorheben, darunter auch die christlichen Wurzeln", hatte die Ministerin betont. Das Kreuz sei ein Symbol der christlichen Zivilisation des Abendlandes und daher "ein fundamentales Element der Kultur Italiens und ganz Europas", so Moratti.

Ciampi: "Kreuz symbolisiert unsere Werte"

"Das Kreuz ist nicht nur das Symbol einer Religion, es repräsentiert die Grundwerte des italienischen Volkes." Mit diesen Worten schaltete sich der italienische Staatschef Carlo Azeglio Ciampi am Montag in Streit um das Aufstellen von Kruzifixen in italienischen Schulzimmern ein. "Das Kreuz ist ein Symbol der Werte, auf die sich unsere Identität stützt", betonte Ciampi nach Angaben des italienischen Staatssenders RAI. Der Präsident kritisierte somit indirekt einen umstrittenen Beschluss des Richters der mittelitalienischen Stadt L'Aquila, Mario Montanaro.

Moslems begrüßen Urteil

Das Urteil von L'Aquila wurde von den italienischen Moslems in Italien begrüßt. "Wir stehen vor einer historischen Niederlage der arroganten Vertreter eines institutionellen, religiösen Rassismus", betonte Smith. Er warnte vor der Gefahr eines zunehmenden katholischen "Fundamentalismus", das das Prinzip des laizistischen Staates zutiefst gefährde.

Erzbischof entrüstet

Entrüstet reagierte der Erzbischof von Ravenna, Kardinal Ersilio Tonini, auf das Urteil. Die Ansichten des Richters seien eine "Beleidigung" und eine Attacke auf die Grundwerte Italiens. "Man kann ein Symbol der religiösen und kulturellen Werte eines Volkes nicht entfernen, nur weil sie jemanden stören. Ich finde, man hat einen gefährlichen Weg eingeschlagen. Wann werden die Kirchen in Italien abgebaut?", fragte Tonini polemisch.

Regierungskoalition empört

Der Streit tobt auch in Italiens politischer Szene. Während das Urteil in Linkskreisen begrüßt wurde, zeigten sich Vertreter der Regierungskoalition von Silvio Berlusconi empört. "Als überzeugte Katholikin würde ich niemals wagen, in einem arabischen Land die Abschaffung islamischer Symbole zu verlangen", protestierte die für ethische Fragen zuständige Parlamentarierin der Berlusconi-Partei Forza Italia, Maria Burani.

Lega Nord will Kreuz auch in Bahnhöfen und Flughäfen aufhängen

Empörung löste das Urteil auch unter den Mitgliedern der Lega Nord, der drittstärksten Partei in der Mitte-Rechts-Regierung von Berlusconi, aus. Die Partei von Umberto Bossi verlangt, dass das Kruzifix nicht nur in allen Schulklassen, sondern auch im Parlament und in den Büros der öffentlichen Verwaltung angebracht wird. Auch in Bahnhöfen, Flughäfen und diplomatischen Sitzen Italiens im Ausland solle ein Kreuz hängen, betonten die Parlamentarier. Eine dementsprechende Gesetzesvorlage hatten kürzlich einige Lega-Parlamentarier in der römischen Abgeordnetenkammer eingereicht. (APA)

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    Streit um das Kruzifix: Kirche und die poltisiche Rechte wollen das Kreuz vor dem Untergang retten, die Linken eher das laizistische Prinzip. Im Bild ein rumänischer Mann bei der traditionellen "Rettung des Kreuzes" in der eisigen Donau.

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