"Gute Mädchen bleiben in der Familie"

26. Oktober 2003, 16:48
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Türken führen vorzugsweise die eigene Cousine zum Standesamt

Istanbul - "Trinke nicht aus einem Brunnen, dessen Grund du nicht sehen kannst", empfiehlt ein türkisches Sprichwort. "Selbstgemachtes Joghurt ist bekömmlicher als fremde Sauermilch", rät ein anderes. Zwar kommt heutzutage auch in der Türkei das Wasser meist aus der Leitung und das Joghurt aus dem Supermarkt, doch wenn es ans Heiraten geht, dann halten es viele Türken weiter mit den alten Volksweisheiten und wählen ihre Braut aus dem Familienkreis. Bis heute wird fast jede vierte Ehe zwischen Blutsverwandten geschlossen, vorzugsweise zwischen Cousinen und Cousins ersten Grades. Die Tendenz ist sogar steigend, wie eine neue Studie jetzt zeigte. In einigen Landesteilen bleibt inzwischen fast jede zweite Braut in der Familie.

Bis zu 43 Prozent aller Ehen unter Verwandten

"Gute Mädchen bleiben in der Familie, die schlechten Mädchen gibt man Fremden" - dieses Sprichwort gilt vor allem im überwiegend kurdisch besiedelten Südosten heute mehr denn je. Wurden dort 1988 noch 36 Prozent aller Ehen zwischen Blutsverwandten geschlossen, so stieg dieser Anteil nach einer Erhebung der Tigris-Universität in Diyarbakir schon bis 1996 auf 40 Prozent. Letztes Jahr erfolgten dort bereits 43 Prozent aller Eheschließungen in der Familie. Selbst in der relativ hoch entwickelten Westtürkei waren 16 Prozent aller Brautpaare dieses Jahres blutsverwandt.

Der Landesschnitt von Verwandten-Ehen stieg damit über die noch im vergangenen Jahr vom Gesundheitsministerium ermittelten 22 Prozent, die bereits einen Zuwachs zu den 1988 festgestellten 20 Prozent darstellten. Rund 70 Prozent dieser Ehen werden allen Erhebungen zufolge zwischen Cousinen und Cousins ersten Grades geschlossen, die übrigen vorwiegend zwischen solchen zweiten Grades.

Aufklärungskampagnen

Das Gesundheitsministerium will mit Aufklärungskampagnen gegen den Brauch vorgehen, denn die Verwandtschafts-Ehen bergen erhebliche Risiken für die daraus geborenen Kinder. Einer Studie der Hacettepe-Universität in Ankara zufolge ist die verbreitete Inzucht ein wichtiger Grund für die extrem hohe Kindersterblichkeit der Türkei, die noch immer bei 47 von 1.000 lebend geborenen Kindern liegt, während etwa im benachbarten Griechenland nur sechs von 1.000 Kindern sterben. Für die überlebenden Kinder ist zudem das Risiko einer Behinderung sehr hoch: Verschiedenen Studien zufolge sind sieben bis acht Prozent der Kinder von blutsverwandten Eltern in der Türkei körperlich oder geistig behindert. Inzucht ist in der Türkei die führende Ursache für Blindheit und viele andere Gebrechen.

Vorteile überwiegen

Vielen PartnerInnen in Verwandtschafts-Ehen ist dieses Risiko durchaus bewusst. Dennoch hat die Ehe mit einem Blutsverwandten für sie handfeste Vorteile, die etwaige gesundheitliche Risiken aus ihrer Sicht aufwiegen - darunter vor allem die praktische Unauflöslichkeit einer solchen Ehe. 80 Prozent der für eine Studie des Ministerpräsidentenamtes befragten Frauen und 83 Prozent der Männer erklärten ihre Ehe für glücklich. Als wichtigste Argumente für die Verwandtschafts-Ehe führten sie an, dass man dadurch die/den PartnerIn von vorneherein gut kenne - und dass die Blutsbindung die Ehe zusätzlich festige, weil die gemeinsame Familie bei Streitigkeiten eingreifen könne. Geschieden werden solche Ehen daher praktisch nie.

Auf verlorenem Posten

Angesichts der gesellschaftlichen Verankerung dieses Brauches haben die MedizinerInnen mit ihren Bedenken keine Hilfe aus der Politik zu erwarten. Bei Parlamentsdebatten zum Behindertentag wird die Inzucht zwar stets ebenso gegeißelt wie die hohe Zahl von Verkehrsunfällen. Doch als eine Parlamentsabgeordnete, die von Beruf Ärztin ist, im vergangenen Jahr einen Gesetzentwurf zum Verbot der Eheschließung zwischen Cousins und Cousinen ersten Grades vorlegte, wurde dieser schon in den Ausschüssen abgewiegelt. "Es wäre illusorisch zu glauben, dass dieser Brauch in absehbarer Zeit eingedämmt werden kann", seufzten die türkischen WissenschafterInnen in ihrem Bericht an das Ministerpräsidentenamt. (APA)

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