Israel sprengt Hochhäuser

27. Oktober 2003, 19:50
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Nach Anschlägen auf Siedlung - 2000 Palästinenser evakuiert - Militär spricht von Schwerpunktaktion gegen den Terrorismus

Jerusalem/Gaza/London - Als Reaktion auf einen Terroranschlag auf die jüdische Siedlung Nezarim hat die israelische Armee in der Nacht auf Sonntag drei benachbarte palästinensische Hochhäuser im Gazastreifen gesprengt. Insgesamt seien etwa 2.000 Palästinenser in einem Umkreis von etwa 400 Meter um die jeweils 13-stöckigen Gebäude evakuiert worden, hieß es in israelischen Medienberichten. Die Detonation in dem dicht bewohnten Küstenstreifen sei mehrere Kilometer weit zu hören gewesen. An der Militäroperation seien mehrere hundert israelische Soldaten beteiligt gewesen, es war die bisher größte ihrer Art im Gaza-Streifen.

Palästinensische Sanitäter brachten ältere Menschen in Sicherheit. Anwohner erhielten Handzettel, auf denen sie aufgefordert wurden, ihre Fenster zu öffnen und elektrische Geräte auszuschalten. Wer in seinem Haus bleibe, riskiere sein Leben, hieß es auf den Zetteln. Wer mit einer Waffe gesehen werde, riskiere es ebenfalls. Durch die Detonation wurden mehrere Auto beschädigt. Durch umherfliegende Teile seien drei Menschen leicht verletzt worden, teilten Sanitäter mit. Die Siedler in Netsarim suchten während der Sprengung Schutz in Bunkern.

Häuser waren erst teilweise fertig gestellt

Die Streitkräfte bezeichneten ihren Einsatz als eine Schwerpunktaktion gegen den Terrorismus. Die erst teilweise fertig gestellten Häuser hätten zur Vorbereitung des Angriffs am Freitag gedient, bei dem drei israelische Soldaten und einer der Angreifer getötet wurden. Ein israelischer Sicherheitsbeamter erklärte nach Medienangaben, Pläne zur Zerstörung der Gebäude habe es bereits seit einem Jahr gegeben. Der Anschlag vom Freitag sei als Anlass für die Umsetzung des Vorhabens gewesen. Die beiden Attentäter hätten wochenlang die Patrouillen und die militärischen Bewegungen in der schwer bewachten Siedlung im zentralen Gazastreifen ausgespäht.

Schäden im Umkreis

Anrainer berichteten nach der Sprengung der leer stehenden Gebäude von beträchtlichen Schäden an ihrem Eigentum. "Alle Fensterscheiben sind zersprungen, einige Möbel wurden beschädigt und mein Auto wurde zerstört", sagte der 29-jährige Moreed Naim nach der Rückkehr in sein Haus.

Wir haben ihnen eine Chance gegeben", hieß es vor der Sprengung in den israelischen Kreisen. "Wir erwarten, dass Gebäude der Palästinenser-Regierung nicht für terroristische Handlungen verwendet werden, aber nach dem Angriff am Freitag konnten wir das nicht durchgehen lassen." Bei dem Überfall war ein Angreifer getötet worden. Ein zweiter hatte in eine nahe gelegenen Polizeiwache fliehen können. Israelische Soldaten zerstörten später auch die Polizeiwache. Brigade-General Gadi Schamni, der die Sprengungen leitete, sagte Reuters: "Ich hoffe, das wird der palästinensischen Behörde eine richtige Botschaft sein, ihre Infrastruktur nicht dem Terror zu überlassen."

Auch Polizeistation gesprengt

Vor der Sprengung der Hochhäuser hatten die Soldaten eine nahe gelegene Polizeistation gesprengt. Dorthin soll sich einer der palästinensischen Angreifer nach dem Anschlag am Freitag geflüchtet haben. Polizeibeamte hätten dem Mann geholfen, wieder in den Gazastreifen zurückzukehren, berichteten israelische Medien. Zu dem Anschlag hatten sich die radikalen Organisationen Hamas und Islamischer Dschihad bekannt.

Festnahmen in Spitälern

In Nablus im Westjordanland nahmen maskierte und mit Maschinengewehren bewaffnete israelische Soldaten am Samstag zwei angebliche Extremisten in zwei Spitälern fest. Einer der Gesuchten befand sich in kritischem Zustand. Die Aktion wurden von Menschenrechtsgruppen verurteilt, da Krankenhäuser in bewaffneten Konflikten als neutrales Territorium gelten. Außerdem erlag am Samstag ein weiterer Palästinenser den Verletzungen, die er bei den israelischen Luftangriffen auf das Flüchtlingslager Nusseirat im Norden des Gazastreifens in der Vorwoche erlitten hatte.

Tödlicher Zwischenfall im Gaza-Streifen

Bei einem weiteren Zwischenfall wurde nach Informationen aus israelischen Militärkreisen ein bewaffneter Palästinenser erschossen, der sich einem Armeeposten einer jüdischen Siedlung im Gaza-Streifen genähert habe. Anderen Quellen zufolge gab es bei einem weiteren Einsatz vier Tote. Seit dem Beginn des Palästinenser-Aufstandes im September 2000 sind Tausende Menschen getötet worden.

Syrien droht mit Angriff auf jüdische Siedlungen

Syrien drohte Israel indes mit einem Angriff auf jüdische Siedlungen auf den Golan-Höhen, sollte es nochmals Ziele auf syrischem Territorium bombardieren. Die Regierung in Damaskus habe "viele Karten" noch nicht gespielt, sagte der syrische Außenminister Faruk el Sharaa in einem Interview mit der britischen "Sunday Telegraph". Er erinnerte in dem Zusammenhang an die "zahlreichen" israelischen Siedlungen auf den seit 1967 von Israel besetzten Golan-Höhen, deren Rückgabe Syrien fordert. "Ich übertreibe nicht, wenn ich Dinge beschreibe, die geschehen könnten", fügte Sharaa hinzu. Die israelische Luftwaffe hatte am 5. Oktober ein angebliches Ausbildungslager für des Islamischen Dschihad in Syrien bombardiert. (APA/Reuters)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Palästinenser inspizieren die Überreste eins der gesprengten Hochhäuser.

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