Raketen auf das Hotel von Wolfowitz

28. Oktober 2003, 07:34
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Pentagon-Vize überlebt unverletzt - Ein Toter, 15 Verletzte - US-Militär: Anschlag galt nicht Wolfowitz - CNN: Attentäter gut informiert

Sonntagfrüh um zehn nach sechs rumste es gewaltig im Bagdader Nobelhotel Raschid. Detonationen zerrissen die Morgenstille, Glas splitterte, verstörte Bewohner tappten in Shorts und Pyjamas durch die Gänge. "Ich watete durch Glas, ein paar Schnitte an den Fußsohlen sind gottlob die einzige Verletzung, die ich mir zuzog", mailte einer von ihnen dem STANDARD-Korrespondenten. Bis zu 29 Raketen hatten den Bau getroffen, der in der Sicherheitszone am westlichen Tigrisufer liegt.

Mindestens ein US-Wachbeamter kam bei dem Angriff ums Leben, 15 bis 20 Menschen wurden verletzt. Irakische Polizisten berichteten von einem Pick-up-Wagen, der einen Anhänger nachzog.

Auf diesem stand etwas, das auf den ersten Blick wie ein Generator aussah, aber in Wirklichkeit eine "Stalinorgel" war. Der Pick-up koppelte den Anhänger ab, die Raketen wurden durch einen Zeit- oder Fernzünder abgefeuert.

Das Hotel Raschid

Das Raschid, einst die Absteige der hartgesottenen Kriegsreporter, ist heute kein Hotel mehr. Nach der Invasion im Frühjahr requirierten es die Amerikaner für die von ihnen geführte Besatzungsverwaltung. Seit Freitag hatte das Raschid einen ganz speziellen Gast: den stellvertretenden US-Vizeverteidigungsminister Paul Wolfowitz.

Wolfowitz war einer der treibenden Motoren hinter der Irakinvasion, die den Diktator Saddam Hussein aus der Macht fegte. Ein halbes Jahr später wursteln sich die Amerikaner durch eine schwierige, von Anschlägen, Terrorattacken und einer skeptischen Bevölkerung infrage gestellte Stabilisierung. Die hehre These von Wolfowitz, wonach der Irak zu einem demokratischen Vorzeigeprojekt gemacht werden könnte, sieht heute blass aus.

Trotzdem ließ es sich der umstrittene Kriegsplaner nicht nehmen, nunmehr schon zum zweiten Mal im Irak aufzutauchen. Mit einer Schar handverlesener Journalisten an Bord wollte Wolfowitz die Botschaft nach Hause tragen, dass eigentlich alles normal läuft im "befreiten" Irak. Doch schon am Samstag schossen Untergrundkämpfer bei Tikrit einen US-Helikopter vom Typ "Black Hawk" ab, nur wenige Stunden nachdem Wolfowitz die US-Truppen in Tikrit besucht hatte.

Die Schlagzeilen in der Weltpresse künden nun erneut von einem Alltag abseits jeder Normalität. "Es waren sehr laute Explosionen", erzählte die Hausfrau Sahira Hamid, die 200 Meter vom Raschid wohnt. "Angst hatten wir keine", fuhr sie fort. "Wir sind das ja schon gewohnt." Wolfowitz, der den Anschlag unverletzt überlebte, sagte am Sonntag: "Diese Terrorangriffe werden uns nicht davon abbringen, unsere Mission zu vollenden."

US-Armee: Anschlag galt nicht Wolfowitz

Der Raketenangriff ist nach Angaben der US-Armee lange vorbereitet gewesen. Für diesen Anschlag seien "ein oder zwei Monate" Vorbereitung nötig gewesen, sagte US-Brigadegeneral Martin Dempsey am Sonntag vor Journalisten in Bagdad. Die Angreifer hätten das Gebäude wiederholt erkunden und überwachen müssen. Zwar habe sich der stellvertretende US-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz zur Tatzeit im Hotel aufgehalten. Aber der Anschlag habe nicht ihm gegolten, "denn sein Zeitplan war gewiss nicht bekannt."

CNN: Attentäter offenbar gut informiert

Der US-Sender CNN wiederum berichtete, dass jene Seite des Hotels angegriffen wurde, auf der sich im 12. Stock die Suiten für besondere Gäste befanden. Demnach sei auch der stellvertretende US-Verteidigungsminister Wolfowitz auf der angegriffenen Hotel-Seite gewesen, so der Sender unter Berufung auf Kenner des Gebäudes und einen Mitarbeiter des US-Politikers. Dies weise auf gute Vorbereitung und "Insider-Wissen" der Attentäter hin. Bis in den 12. Stock hinauf habe die Reichweite der Raketen allerdings nicht gereicht. Einschläge wurden nur bis in den 11. Stock registriert.

Das Mitglied des irakischen Regierungsrates, Adnan Pashashi, forderte nach dem Angriff den raschen Aufbau einer irakischen Polizeitruppe. Die einzige Möglichkeit, derartige terroristische Angriffe zu verhindern, sei eine "gut ausgerüstete, gut ausgebildete, gut bezahlte Polizeitruppe", sagte Pashashi der portugiesischen Nachrichtenagentur Lusa. Er bezeichnete es als Fehler, die irakische Armee nach dem Sturz von Machthaber Saddam Hussein "derart abrupt" entwaffnet zu haben.(DER STANDARD, Printausgabe, 27.10.2003/APA)

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    Raketen auf Hotel in Bagdad

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    US-Soldaten riegelten die Gegend rund um das Bagdader Al Rashid-Hotel ab, das am Sonntag mit Raketen beschossen wurde.

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