Selbstdefinition Frauenrechtlerin

25. Oktober 2003, 18:28
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Mathilde Hanzel-Hübners Nachlass führte zu historischer Sammlung

Selbst geschrieben über die Frauenfrage. Aber je mehr ich mich damit beschäftige, desto ungeheurer wird die Erregung", schreibt Mathilde Hanzel-Hübner 1907 in ihr Tagebuch. Die 23-jährige Lehrerin liegt im Streit mit der Technischen Hochschule in Wien, weil ihr als Frau der Zutritt zu Vorlesungen verweigert wird. 1908 wendet sie sich nach mehreren abschlägigen Bescheiden der Uni mit einem Brief an das Unterrichtsministerium, in dem sie darauf hinweist, dass sie ihre Lieblingsfächer Mathematik und Geometrie sowieso schon zurückgestellt habe und nur um die Erlaubnis bitte, Kenntnisse über "Bauhygiene und ähnliche Wissenszweige" zu erlangen. Ende 1908 sind ihre Bemühungen mit einem kleinen, für damalige Verhältnisse aber bedeutenden Erfolg gekrönt: Der Rektor teilt ihr mit, dass das Ministerium den "Besuch einzelner Vorlesungen nach Maßgabe des verfügbaren Platzes und der Zustimmung der betreffenden Dozenten gestattet".

Während Namen wie Rosa Mayreder oder Auguste Fickert bis heute für frauenpolitisches und feministisches Engagement zu Beginn des 20. Jahrhunderts stehen, blieben Frauen wie Hanzel-Hübner, die die Frauenbewegung durch ihr vielfältiges Engagement mittrugen, meist unbeachtet. Einen ersten Schritt, Licht in die historischen, politischen und persönlichen Umstände dieser Frau zu bringen, setzen nun die Historikerinnen Monika Bernold und Johanna Gehmacher mit der Editierung des Nachlasses von Hanzel-Hübner. Das erste Mal auf Tuchfühlung mit dem Archiv der "Frauenrechtlerin", wie sich Hanzel-Hübner nach Angaben ihrer Enkelin bis zu ihrem Tod selbst bezeichnete, ging eigentlich Edith Saurer, Professorin für neuere Geschichte an der Uni Wien. Mit Kolleginnen bereitete sie 1989 eine Ausstellung zum Thema "70 Jahre Frauenwahlrecht" vor und annoncierte das Interesse an Nachlässen, in denen Dokumente zur damaligen Zeit zu erwarten wären. Es meldeten sich Enkel von Hanzel-Hübner, erzählten von einem umfangreichen Archiv, das ihre Großmutter angelegt habe.

92 Schachteln füllte das Material schließlich, das Gehmacher und Bernold nun für den eben erschienenen Band Auto/Biografie und Frauenfrage zusammengestellt haben. Das Buch und die beiliegende CD-ROM zeichnen ein lebhaftes, vielfältiges und durch die Quellentreue authentisches Bild einer Frau, die 1907 ein Konzept für eine Frauenhochschule entwarf, als Vizepräsidentin des Allgemeinen Österreichischen Frauenvereins fungierte, sich friedenspolitisch engagierte und gleichzeitig als verheiratete Mutter von zwei Kindern eine sehr "bürgerliche", private Seite hatte. Der Nachlass von Hanzel-Hübner gab am Wiener Geschichte-Institut auch den Anstoß für zwei neue Initiativen: Erstens wurde die "Sammlung Frauennachlässe" gegründet, die heute 60 Nachlässe teilweise zurückreichend bis in das 18. Jahrhundert umfasst. Und zweitens erschien mit der Publikation Auto/Biografie und Frauenfrage nun der erste Band einer neuen Buchreihe unter dem Titel "L'Homme Archiv. Quellen zur Feministischen Geschichtswissenschaft". (Elke Ziegler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26. 10. 2003)

Bernold/Gehmacher: Auto/Biografie und Frauenfrage. Tagebücher, Briefwechsel, Politische Schriften von Mathilde Hanzel-Hübner (1884-1970), Böhlau, 45 Euro.
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