Afghanistan: Vorauskommando deutscher Soldaten nimmt Arbeit in Kundus auf

26. Oktober 2003, 21:53
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Vorerst 27 Soldaten im Norden des Landes

Kundus/Berlin/New York - Die deutsche Bundeswehr hat am heutigen Samstag ihren Einsatz im Norden Afghanistans begonnen. Ein Vorauskommando mit 27 Soldaten traf in der Stadt Kundus ein, berichtete ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Berlin. Bis Jahresende sollen 120, bis Mitte 2004 dann 450 Soldaten in Kundus sein, um in der Region etwa 50 zivile Helfer zu unterstützen. Das Vorauskommando wurde vom regionalen afghanischen Befehlshaber Mohammed Daud empfangen, der eine Kooperation mit der Bundeswehreinheit versprach.

Der deutsche Einsatz gilt als Pilotprojekt für eine mögliche Ausdehnung des Einsatzes von ISAF-Soldaten in anderen afghanischen Provinzen und Regionen. Bisher war die rund 5.500 Mann starke, von der NATO geführte Truppe, an der 1.800 deutsche Soldaten beteiligt sind, nur in der vergleichsweise sicheren Hauptstadt Kabul eingesetzt.

Große Mehrheit im Bundestag

Erst am Freitag hatte der Bundestag in Berlin das Unternehmen mit großer Mehrheit gebilligt. Das Parlament erweiterte den Auftrag für die deutschen Soldaten in Afghanistan. Sie können nun auch außerhalb der Hauptstadt Kabul eingesetzt werden. Zugleich wurde das Mandat für die Internationale UN-Schutztruppe (ISAF) in Kabul um ein Jahr verlängert.

Nach Einschätzung der Vereinten Nationen wird durch die Ausweitung der Arbeit von ISAF die Autorität der afghanischen Regierung in den Provinzen gestärkt. Die deutsche Entscheidung, Soldaten nach Kundus zu schicken, sei ein begrüßenswerter erster Schritt, sagte der UN-Untersekretär für Friedenserhaltende Operationen, Jean-Marie Guehenno, am Freitag (Ortszeit) vor dem Weltsicherheitsrat in New York. Er hoffe, dass andere Länder diesem Beispiel folgen werden.

In Kundus wurden die Bundeswehrangehörigen von US-Soldaten in Empfang genommen und machten sich dann auf den Weg zu ihrem künftigen Stützpunkt. Als erstes wollten sie dort Fernmeldeverbindungen aufbauen, sagte der Ministeriumssprecher. Das Nachrichtenmagazin "Focus" berichtete, die Soldaten würden in einem neu gebauten Kasernenkomplex untergebracht. Die Deutschen lösen in Kundus ein amerikanisches Wiederaufbauteam ab, das unter dem Anti-Terror-Mandat "Enduring Freedom" tätig war.

Die Provinz Kundus gilt als vergleichsweise sicher. In anderen Teilen Nordafghanistans gibt es hingegen immer wieder Kämpfe bewaffneter Gruppen. In der Nachbarprovinz Samangan starben am Donnerstagabend zehn Zivilisten bei einem Überfall. Unbekannte hätten nahe der Ortschaft Haibak drei Panzerfäuste auf ihren Wagen abgefeuert, berichtete das staatliche afghanische Fernsehen.

Während im Norden die Bundeswehr-Soldaten ihren Dienst aufnahmen, wurden wegen zunehmender Angriffe auf Zivilisten im Süden des Landes die UN-Hilfseinsätze in vier Provinzen ausgesetzt. Die Tendenz zu Angriffen auf Zivilisten, die mit der afghanischen Regierung zusammenarbeiteten, lasse darauf schließen, dass auch die UNO zum Ziel werden könnte, sagte Guehenno vor dem Sicherheitsrat. Ihm zufolge sind Terrorangriffe und Grenzüberschreitungen von mutmaßlichen Taliban-, El-Kaida- und anderen extremistischen Kämpfern "die Hauptursache" für die Unsicherheit in der Region.

Die Vereinten Nationen stufen prinzipiell alle Grenzdistrikte Afghanistans als "hoch riskant" ein. Die radikalislamischen Taliban hätten in mehreren Grenzregionen wieder de facto die Kontrolle über die Verwaltung übernommen.

Die Provinz Badakshan im Nordosten Afghanistans soll zu den bedeutendsten Produzenten von Rohopium in Afghanistan gehören, Kundus gilt als Transitstrecke für die Drogen. Zu den drängendsten Problemen in der Region zählen Hilfsorganisationen die katastrophalen Straßen und die mangelhafte Versorgung mit Trinkwasser. Die Stadt Kundus wird erst seit wenigen Monaten mit Elektrizität aus Tadschikistan beliefert. (APA/dpa/Reuters/AP)

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    Deutsche Soldaten in Kundus

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