Wo der Schnee fällt, wächst keine Krise?

27. Oktober 2003, 15:57
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Der alpine Skirennsport stellt sich an diesem Wochenende ganz in den Dienst der Wintersportindustrie, deren prominentester Teil er ist. Die Show steigt in Sölden, einem typischen Industriedorf der Freizeitspaßgesellschaft

Sölden - Die Maschine ist immer der Sieger. Auch wenn die Damen (Samstag) und Herren (Sonntag, jeweils, 9:45, 12:30, ORF 1) auf ihren rasenden Brettern so unwiderstehlich aussehen. Der Doppelgletscher ist Söldens Eigenkapital, mit dem die Söldner derart talentiert wuchern, dass die biblischen Geldverleiher dagegen blass aussehen. Wo Hermann Maier, Stephan Eberharter und Bode Miller zum ersten Mal gegeneinander Riesenslalom fahren, plagen sich das Jahr über rund 500.000 Gäste.

Die Söldner investieren laut Bergbahnen-Chef Peter Vorst rund eine Million € in das Spektakel, lassen bis zu 500 Mitarbeiter dafür schuften, lukrieren dafür die Aufmerksamkeit von 18 TV-Stationen und insgesamt 500 Medienvertretern. Das weltweite Echo unterfüttert die Markterweiterung in den Osten, speziell nach Polen, Russland und Ungarn, und während Michaela Dorfmeister, Anja Pärson und Karen Putzer Riesenslalom fahren, nutzen die Söldner den günstigen Augenblick, um im Hoffnungsmarkt Holland eine ihrer zwei Skihallen mit einem Snowboard-Weltcup als zweitbestes Wintersportangebot nach Sölden selbst zu positionieren. "Ötztal" ist bloß noch eine leicht nostalgisch anmutende Bezeichnung für eine Erholungsmaschine, die im Jahr rund 45 Millionen € umsetzt. In den vergangenen Jahren erntete man zwischen vier und acht Prozent Wachstum. Krise? Wo? Den Gewinn lässt der Geschäftsführer der "Bergbahnen Sölden", Jakob Falkner, lieber nicht sprechen. Er scheint zu existieren, schließlich buttern die Gesellschafter (drei große und etliche kleine, darunter die Gemeinde Sölden, alle kommen aus der Tourismusindustrie vor Ort) 73 Millionen € in ein Thermenhotel-Wellnessbad-Projekt in Längenfeld, "um die letzte Angebotslücke zu schließen", so Vorst. Eigenfinanziert, wie man mit typisch Tiroler Understatement betont.

Da die alpine Bescheidenheit ja ein Wert ist, werden pro Bewerb bloß 64.000 € Preisgeld ausgelobt. Dafür wird sich das Vorjahressiegertrio der Damen, die in ihrem ersten Weltcuprennen sensationell debütierende Niki Hosp, dazu Andrine Flemmen (NOR) und Tina Maze (SLO), wohl wieder voll in den Carver hängen. "Der schwerste Riesenslalomhang in der ganzen Saison", sagt der ÖSV-Damentechniktrainer Bernd Brunner.

Michaela Dorfmeister, im Vorjahr Zwölfte, wird hier den Gang zum neuerlichen Gesamtweltcupsieg, dem großen Lohn in einer Saison ohne WM oder Olympische Spiele, antreten. Renate Götschl ist zwar von ihrer Knieoperation gesundet, eine wie früher praktisch grenzenlos belastbare Götschl ist sie freilich noch nicht. "Ich werde schauen, wie viele Rennen ich machen kann", sagt sie mit leichtem Zweifel an der Gesamtweltcupambition. Die außerhäusigen Gegnerinnen dürften in Abwesenheit von Janica Kostelic die üblichen Verdächtigen, Weltmeisterin Anja Pärson und Karen Putzer, spielen.

Die ÖSV-Herrenphalanx mit den Einzelkämpfern Hermann Maier (noch nicht so ganz auf der Höhe) und Vorjahressieger Stephan Eberharter (von leichter Verschnupftheit eher genesen) wird sich wohl mit dem agilen Ami Bode Miller vergleichen lassen müssen. RTL-Weltcupsieger Michael von Grünigen ließ sich pensionieren, Kjetil-Andre Aamodt brach sich den Knöchel, Frederic Covili (FRA) oder Massimiliano Blardone (ITA) sind weitere Gefahrenherde. Bode Miller betont zwar nicht unlogisch, "dass ein Rennen nicht davon beeinflusst wird, ob sie in Österreich denken, ich könnte Maier und Eberharter als lachender Dritter den Gesamtweltcup entführen", aber alle anderen haben dennoch ein Recht darauf, den Showdown "zwei gegen einen" - quasi Wyatt Earp gegen die Daltons - als coole Angebotserweiterung der vielen dunklen Tage zu betrachten. Die Wellness läuft ja nicht weg. (Johann Skocek, 25./26.10 2003)

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