"Gegen die Gobi ist die Sahara viel befahren"

27. Oktober 2003, 15:53
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Abenteurer Bruno Baumann gelang der erste Solomarsch durch die asiatische Wüste

Peking - Chinas erster Raumfahrer startete vom versteckten Raketenbahnhof in der Wüste Gobi hoch ins All. Man schrieb den 15. Oktober. Am selben Tag schleppte sich tief unten am Erdboden - auch in der Gobi - der Münchner Wüstenwanderer Bruno Baumann durch eine Art Mondlandschaft mit bis zu 400 Meter hochragenden Sandbergen.

"Sie standen wie turmhohe Mauern vor mir." Der geborene Österreicher war mit 30 Kilo Gepäck auf dem Rücken schon zehn Tage auf seinem größten Abenteuer in der menschenfeindlichen Wüste unterwegs und noch 100 Kilometer von seinem Ziel entfernt. Als Erster wagte er es, zu Fuß und ohne Begleiter das Herzstück der als Todeswüste beschriebenen Gobi zu durchqueren.

Fast erfroren

"Ich hatte mich gedanklich vorbereitet, auf der 500-Kilometer-Strecke zu scheitern und zu verdursten. Aber es kam anders. Ich wäre fast erfroren." Der 48-jährige wüstenerprobte Abenteurer berichtete in dieser Woche in Peking, wie er bei seinem "Grenzgang" vom plötzlich eingebrochenen Winter überrascht wurde.

"Das Wasser fror nachts bei minus zehn Grad in meiner Flasche." Er schlief bibbernd im Schlafsack mit allem, was er dabeihatte. Die Kälte half, dass er "mit nur drei statt fünf Litern Wasser am Tag auskam. Sie raubte mir aber auch alle Kräfte." Er aß seine Notration: "staubtrockenes" Südtiroler Schüttelbrot und etwas Speck.

Vor allem hatte Baumann Glück, dass er nicht vom selbst ausgetüftelten "Weg" abkam. Auf seiner Route hatte er alle 30 Luftkilometer von ihm vermutete Wasserstellen eingezeichnet. Alle zwei bis drei Tage musste er diese auch finden. "Ein Fehler, und es wäre aus gewesen."

Der in München lebende Autor hatte sich lange auf seine "ultimative Grenzerfahrung" vorbereitet, dennoch erschreckte ihn dann die "Geräuschlosigkeit" der Wüste. Mitten in der Gobi wollte er sich - "völlig auf mich allein gestellt" - einer lebensfeindlichen Umgebung aussetzen und als "Einzelgänger einen Wettlauf gegen die Zeit" wagen. "Die berühmte Sahara ist gegen die Gobi geradezu eine viel befahrene Autofahrerwüste", berichtet er nun.

Halb verdurstet

1996 scheiterte Baumann mit seinem ersten Soloversuch, die Gobi zu durchqueren. Er rettete sich halb verdurstet über einen Fluchtweg. Weitere Trips brachten neue Erkenntnisse. Vom Südrand führte er deutsche Managergruppen zum Selbsterfahrungstraining in die Wüste.

Baumann speicherte alle Informationen über Wasserlöcher und Oasenplätze der 15 bis 20 chinesischen Siedlerfamilien. Der Kampf um ihre Oasen gilt inzwischen als verloren. Baumann erfuhr, dass alle Wüstenbewohner nächstes Jahr die Gobi verlassen müssen, da deren Grundwasserspiegel immer weiter fällt.

Drastisch abgemagert

Mithilfe seines Navigationssystems GPS plante er seine Route. Mit ständiger GPS-Ortung und Kompass schlug er sich entlang einer "fiktiven Luftlinie" von einem Wasserloch zum anderen durch. Zweimal traf er auf "enorm gastfreundliche" Wüstenbewohner. "Ich habe unterwegs aber auch einen erfrorenen Menschen gefunden."

Chinas Astronaut, der am 16. Oktober nur wenige Hundert Kilometer von Baumann entfernt auf der Steppe der Gobi in der Inneren Mongolei landete, brauchte für seine 14 Erdumrundungen 21 Stunden und 35 Minuten. Baumann kam um fast zehn Kilo abgemagert mit verfrorenen und blessierten Füßen am Westausgang der Wüste der Gobi in ihre Steppe. Es war der 18. Oktober. Er hatte zwei Wochen für 500 Kilometer zu Fuß gebraucht. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD Printausgabe 25/26.10.2003)

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