Tänzerische Verführung zum Anstand

24. Oktober 2003, 23:25
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Asfa-Wossen Asserates "Manieren" - große Prosa, getarnt als Ratgeber

Kommen wir doch gleich zu Beginn "zum Allerwichtigsten: Der Herr" - und damit ist nicht irgendein Herr, sondern der klassische Gentleman, auch als Pendant zur Dame, gemeint - "der Herr benutzt kein Portemonnaie. Das Geld klimpert bei ihm in der Hosentasche, die Scheine ruhen in der Brusttasche an seinem Herzen." Oder, nachzulesen im Kapitel Körperliche Haltung & Seelische Contenance: "Ewiges bombenfestes Gelächel hat etwas Prostituierendes." Oder, ganz einfache Frage: "Gute Manieren soll man haben - aber soll man sich mit ihnen auskennen?"

Diese Frage, so der äthiopische Prinz Asfa-Wossen Asserate mit eleganter Lakonie, die im besten Sinne "höfisch" zu nennen wäre, "kennzeichnet eines der vielen Paradoxa auf dem Feld der Manieren. Die Manieren sind im übrigen von paradoxen Phänomenen in einem Ausmaß erfüllt, dass man sie im ganzen als das Feld des Paradoxen bezeichnen könnte." In diesem Sinne ist auch Asserates Buch Manieren, erschienen in Hans Magnus Enzensbergers "Anderer Bibliothek" gewissermaßen eine paradoxe Intervention und als solche macht es wiederum auf paradoxe Weise Furore.

Harald Schmidt spricht derzeit darüber in seiner Nightshow und diskutiert dann, wie das nun sei mit öffentlichem Weinen oder dem Schnäuzen in Gegenwart anderer, die F.A.Z. bringt's als viel akklamierten Vorabdruck. Und dabei mutet es einigermaßen ironisch an, dass ausgerechnet in Zeiten, in denen Rüpel-Bekenntnisse eines Dieter Bohlen die Schlagzeilen und Bestsellerlisten beherrschen, ein Buch mit dem lakonischen Titel Manieren zum Geheimtipp wird. Dass ausgerechnet der "fremde" Blick eines Afrikaners auf europäische Sitten der Gegenwart einiges an Brisanz gewinnt. Aber gemach: Es gilt hier, mehr als nur ein gefälliges Büchlein über Sinn und Unsinn des guten Anstands zu preisen.

Was der 1948 in Addis Abbeba geborene, am Hofe Haile Selassies aufgewachsene und 1974 nach der Revolution nach Deutschland emigrierte Asfa-Wossen Asserate vorlegt, ist nichts weniger als ein höchst intelligentes und vor allem gekonntes literarisches Tarnungsmanöver: Eine große Erzählung, getarnt als Essay und Ratgeber, die sehr bewusst über keinen Helden im eigentlichen Sinne verfügt - in Zeiten, wie gesagt, in der sich die Bohlens dieser Welt mit Vorliebe zu Hauptdarstellern ihrer eigenen Eitelkeit hochstilisieren. Nichts wäre Asserate fremder als solche Vulgarität, wobei er letzteren Begriff für sich höchst diplomatisch so auf den Punkt bringt. "Vulgarität besteht in einem Nihilismus, der aber nicht, wie es redlich wäre, zu Verzweiflung und Selbstmord führt, sondern zur Unverschämtheit."

Mit der Lektüre solcher Pensées und Essais spart man sich seitenweise Zeitgeist-Kolumnen, in denen schnelle Missachtung meist nur in flappige Verächtlichkeiten mündet. Überhaupt ist es sehr erstaunlich, dass sich mit Asfa-Wossen Asserate offenkundig ein würdiger Nachfolger von Pascal und Montaigne jahrzehntelang über Gebühr zurück gehalten und nichts publiziert, sondern vielmehr alles gelesen und beobachtet hat. Manieren, sein erstes Werk, entwirft seine Ansichten und seine sanften Anregungen mit einer Großzügigkeit, der jedes demonstrative Gebahren eines Debütanten fern ist. Aufs Berückendste changiert Asserate zwischen einem aufmerksamen Blick, dem nichts entgeht, ohne dass er sich je zu schnellen Verurteilungen und Ermahnungen hinreißen ließe. Und gleichzeitig treibt er etwa mit den eigenen Qualitäten mit virtuoser "Nachlässigkeit" geradezu Wucher: Selten las man mehr kulturelle Bildung und literarische Weltläufigkeit beiläufiger in stupende Prosa eingeflochten.

Nein, natürlich geht es nicht um oberlehrerhafte Besserwisserei. "Einige wenige Leser könnten dem Buch jedoch die Anregung entnehmen, eine Person zu sein, zu der Manieren passen, und dann womöglich ganz eigene zu erfinden und alles ganz anders zu machen." Gleich zu Beginn zitiert Asserate denn auch ein großes mögliches Vorbild: Don Quixote, "der ritterlich sein wollte, obwohl es schon lange keine Ritter mehr gab. Er hatte Erfolg."

Natürlich definiert sich dieser Erfolg völlig anders als der, den uns heute die unzähligen Bücher für Ich-Aktionäre verheißen. Denn in gewisser Hinsicht ist Manieren nicht zuletzt weniger ein Buch über Marktwerte als eins über die Liebe. Liebe zu Details, die man erkennt und wertschätzt. Zu Umgangsformen, die im wahrsten Sinn des Wortes verführerisch sind wie Asserates Sprache. Ein Handkuss zum Beispiel: "Der Mann ergreift die Finger und führt die Hand zu sich heran, wobei die Frau einen leichten Widerstand leistet, damit die Hand nicht willenlos und allzu leicht nach vorn fliegt. In dem ganzen Ablauf muss etwas Festes, Sicheres liege; es ist eigentlich eine kleine Tanzfigur, bei der die Partnerin geführt werden, aber auch ein Gegengewicht darstellen muss." (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.10.2003)

Von Claus Philipp

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    Asfa-Wossen Asserate: Manieren € 27,50/392 Seiten. Eichborn Verlag, Frankfurt/Main 2003

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