Unbeugsam wie die Steine Petersburgs

24. Oktober 2003, 23:33
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Ralph Dutli sucht in einer Biografie schüchtern nach dem in Stalins Lagern umgekommenen wichtigsten russischen Poeten des 20. Jahrhunderts

Leider kann diese neue Biografie nicht mit solchen Sätzen aufwarten: "Nachdem Ossip Mandelstam Alexej Tolstoj geohrfeigt hatte, kehrte er sofort nach Moskau zurück, rief von dort täglich Anna Achmatowa an und beschwor sie, zu kommen". - Mit dieser Konfrontation, die sofort Mandelstams Haltung zum Dichterfunktionär zeigt, begann Nadeshda Mandelstam ihr riesiges Memoirenwerk, ein Höhepunkt russischer Literatur des 20. Jahrhunderts. In ihrem Blick für Details - die ausgedrückten Zigaretten, die Geheimpolizisten absichtlich, wie Hundemarkierungen, zurückließen - ist die Prosa dieser Frau unübertroffen: Sie hatte ihren durch ein Anti-Stalin-Gedicht 1934 endgültig der Tscheka (= Opa des KGB) ausgelieferten Ehemann in Verbannung begleitet und die Gedichte des im Lager 1938 Verreckten im Gedächtnis bewahrt. Und konnte dann Einsichten formulieren wie diese, bezogen auf Mitläufer in Diktaturen: "Und ist der Mensch denn wirklich für sich verantwortlich? Sogar seine Taten und sein Charakter sind von der Zeit abhängig. Sie hat ihn im Griff und presst aus ihm das Gute oder Böse heraus. Denn Güte ist keine angeborene Eigenschaft, man muss sie entwickeln, und man entwickelt sie, wenn sie gefragt ist."

Jeder neue Mandelstam-Biograf spürt den Schatten dieser meisterhaften Erzählerin. Die Biografie Ralph Dutlis - Herausgeber der deutschen Mandelstam-Werkausgabe - hat andere Qualitäten, aber erzählen kann er nicht. Doch wer sich dem recht papierenen Deutsch aussetzt, wird belohnt. Dutli wollte eine "Werkbiographie" des Dichters schreiben, dessen Erinnerungsprosa seit dem "Tauwetter" unter Chruschtschow im Samisdat kursierte, dessen Gedichte nach 1991 sogar für die postsowjetische Ökologie-Bewegung wichtig wurden. Viele Gedichte stellt Dutli in den Zusammenhang der Kultur. Dadurch wirken sie dann wie Tagebucheintragungen, Nachrichten aus einem exemplarisch schweren Leben. Beginnen wir mit dessen Ende, für das Dutli, einmal faktenforschend, den Leserbrief eines Pritschennachbarn aus dem Lager an die Istwestija 1991 einbeziehen konnte: Baracke 11 in Wtoraja Retschka nahe Wladiwostok, 27. Dezember 1938, Wäsche-Desinfektion, während der die Gefangenen im eisigen Pazifik-Schneesturm 40 Minuten warten müssen. Das überlebte der seit der ersten Verhaftung 1934 herzkranke Dichter nicht mehr. Ein Jahr davor noch Verse wie diese: Wenn ich, ausgedient, bald schon hier sterbe:/Allen Lebenden lebenslang Freund/Soll sich Widerhall himmlischer Erde/Hoch und weit in dem Körper zerstreun."

Besser als das Leben zeichnet Ralph Dutli die Gier dieser Poesie nach Leben nach: Mandelstam, 1891 als erster Sohn eines intellektuellen jüdischen Lederhändlers und einer aufklärerisch geprägten musikalischen Mutter aus dem Baltikum in Warschau geboren und in St. Petersburg aufgewachsen, sah immer Europa vor sich. Kulturell - Italien, Frankreich (Dantes Divina Commedia nahm er in alle Verbannungsorte mit): Suche nach Weltkultur.

Real freilich erlebte Mandelstam Europa nur kurz, als er - da die Quote für jüdische Studenten nach 1905 auf 3% reduziert wurde - als Student 1909 in Heidelberg lebte; dann nur noch Russland. Seine berühmten Rom- und Venediggedichte: alles Phantasmen. Im noch heute existierenden Petersburger Lokal Der streunende Hund trafen sich 1911 Anna Achmatowa, ihr (1921 erschossener) Mann Nikolaj Gumiljow und der junge Mandelstam. Sie bildeten den Kern der 1912 formierten "Akmeisten". Im Gegensatz zu den metaphysischen Symbolisten forderten sie die Rückkehr zum Irdischen, Konkreten, zu Leben und Licht und apollinischer Klarheit.

Die Lust an der Welt zeigte sich schon in Mandelstams Der Stein (1913) darin, dass eine "Ode an Beethoven" zwanglos stehen konnte neben einem Gedicht auf Speiseeis. - Poesie, getragen von der strengen Architektur Petersburgs. Ebenso unbeugsam wie dieser Stein. Graniten unbestechlich deshalb auch das Gedicht gegen Stalin 1934: "Nur zu hören vom Bergmenschen im Kreml, dem Knechter,/Vom Verderber der Seelen und Bauernabschlächter". Das war, von einem Spion verraten, das Ende. Verbannung, Lager, Tod. Jede Zeile Mandelstams, das zeigt Duthli, ist das Gegenteil davon.

Mandelstam selbst hatte zugleich das Ende der Biografien früh erkannt: "Nun sind die Europäer aus ihren Biographien herausgeschleudert worden wie Billardkugeln, diskreditiert durch die Ohnmacht vor den realen Kräften." (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.10.2003)

Von
Richard Reichensperger
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    Ralph Dutli:
    Ossip Mandelstam. Eine Biographie
    € 27,60, 350 Seiten. Ammann, Zürich 2003

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