Jenseits des Kollektivs

25. Oktober 2003, 13:00
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Junge Autoren aus China entwerfen sich und ihre Welt neu: "Das Leben ist jetzt"

Unter Millionen von Menschen eines fremden Kulturkreises als Literaturscout zu werken ist eine heroische Aufgabe. Frank Meinshausen hat drei Jahre lang an einer Anthologie mit Geschichten chinesischer Autoren gearbeitet. In seinem lebhaften, anschaulichen Vorwort beschreibt Meinshausen, wie er mit Recherchen in Peking, Shanghai und Nanjing begonnen und schließlich die jungen Leute, die in den 70er und 80er-Jahren geboren wurden, ausgewählt hat.

Die - im Verhältnis zur Größe des möglichen Autorenpools - eher spärlichen Übersetzungen chinesischer Literatur erzählten zunächst von den Leiden und Überleben der Menschen in der Kulturrevolution: viele Schriftsteller die ihre autobiografischen Erlebnisse einer zerstörten Kindheit verarbeiteten, lebten längst als Emigranten im Westen. Dann kam eine neue Generation, die in Persönlichkeiten wie Wang Shuo (geboren 1958) ihren Ausdruck fand. Er schilderte in seinen urbanen Szenarien schlitzohrige Kleinkriminelle, die auf jede Kollektivmoral pfiffen und sich ein schönes Leben machten. Eine Sichtweise, die amtlicherseits gelegentlich mit Veröffentlichungsverbot belegt wurde. (Wang Shuo hatte allerdings auch keinerlei Probleme damit, sich das große Geld mit angepassten Soap-Operas fürs Fernsehen zu verdienen).

Von der Zensur und den hartgesottenen Hardlinern wurden die aufkommenden individualistischen Tendenzen als "obskur" gegeißelt. Jetzt nehmen die Jungen diesen ursprünglich diffamierenden Ausdruck für ihr eigenes Schaffen in Anspruch. Nach dem Schock des Massakers am Tianamen 1989 resignierten freilich viele Autoren, wandten sich unter dem Einfluss des wirtschaftlichen Booms anderen Berufen zu oder produzierten nach den Gesetzen des Marktes Massenliteratur.

Für die elf Autoren des Sammelbandes sind die Geschichten der Kulturrevolution jedenfalls nur noch gruselige Erzählungen aus einer längst versunkenen Zeit. Sie haben ganz andere Probleme. Zum Beispiel die Beziehungen der Geschlechter. Es ist erstaunlich, wie nach der jahrzehntelangen, staatlich verordneten Prüderie über Sex geschrieben wird: Nüchtern, detailliert, distanziert, illusionslos werden da Prostitution und Seitensprünge betrachtet, als ob es sich um Geschäftsverträge handeln würde. Das Individuum und seine subjektive Befindlichkeit stehen im Mittelpunkt der Geschichten, die urban geprägt sind. Desorientierung, Einsamkeit, Depression, aber auch überraschend grimmiger Humor sind da zu finden. Wenn etwa ein junger Aktionist in Konflikt mit seinem Vater gerät, der diese Kunst als Narretei klassifiziert und ein tragikomischer Showdown zwischen Vater und Sohn selbst zu einer "Aktion" wird, macht sich die Autorin Dai Lai sowohl über westliche Moden als auch über heuchlerische traditionelle Werte der eigenen Kultur lustig.

Auf jeden Fall vermittelt die Anthologie das Gefühl, dass in den letzten Jahrzehnten ein ganzes Volk quasi ausgetauscht wurde. Eine uralte Schriftkultur entdeckt (wieder) das Individuum, gewiss auch ein Klischee, aber diese Entwicklung macht Lust auf mehr. Hoffen wir auf weitere engagierte Pfadfinder und Übersetzer. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.10.2003)

Von
Ingeborg Sperl

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    Frank Meinshausen(Hrsg.):
    Das Leben ist jetzt. Neue Erzählungen aus China
    Aus dem Chinesischen von Frank Meinshausen. € 19,50/261 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt 2003

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