Rufer gegen die Ungerechtigkeit

24. Oktober 2003, 20:13
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Ein Mann befindet sich auf der Heimkehr von einer Lesereise aus Australien. Beim Umsteigen erliegt er am Flughafen Bangkok einem Herzinfarkt. Was ein Fall für den berühmtesten spanischen Privatdetektiv, für Pepe Carvalho, sein könnte, ist das Ende seines Schöpfers und Alter Ego, Manuel Vázquez Montalbán. Spanien verliert mit ihm die intellektuelle Ikone des Landes, die internationale Literaturwelt einen ihrer besten Protagonisten und ich einen guten Freund. Montalbán wollte am 10. November auf meine Einladung hin nach Wien ins Cervantes-Institut kommen, um mehr über Österreich, das er nur von einem einmaligen Besuch des ehemaligen KZ-Mauthausen kannte, zu erfahren.

Als begeisterter Leser seines gesamten Werkes verfolge ich seit Jahren vor allem die politischen Schriften und Essays des weit über die Grenzen Spaniens hinaus bekannten Schriftstellers. Besonders das im Jahr 2000 veröffentliche Buch Marcos - Herr der Spiegel (€ 11,40, Wagenbach) ist in diesem Kontext überaus bemerkenswert. Montalbán beschreibt darin seine Begegnung mit dem legendären Subcomandante Marcos, mit dem er mehrere Tage und Nächte über die Notwendigkeit von Widerstand und den bedingungslosen Einsatz für die Schwachen und Unterdrückten diskutierte.

Immer wieder kreist das Gespräch des Schriftstellers mit dem Revolutionsführer, der seit Jahrzehnten in Mexiko gegen die Unterdrückung der Einwohner im lakandonischen Urwald kämpft, um Globalisierung und Neoliberalismus. "Die Theologen des Neoliberalismus besitzen für gewöhnlich ein kurzes Gedächtnis. Heute beginnt es in Chiapas und endet in Tijuana. Das ist die logische Konsequenz einer langen Übung in Selbstverstümmelung: Jegliche Erinnerung wird ausgelöscht, die nicht dazu dient, die notwendige Gegenwart zu erklären...", erläutert Montalbán die Hauptbotschaft des Revolutionärs. An anderer Stelle subsumiert er: "Die neue Rechte ähnelt der früheren wie ein Ei dem anderen, wenn ihr der Stoßseufzer aus tiefster Seele kommt, die Unordnung sei schlimmer als die Ungerechtigkeit."

Wer war nun Manuel Vázquez Montalbán? Er war ein Kind des Bürgerkriegs, geboren 1939, als Franco siegte, aufgewachsen im Armenviertel von Barcelona in einer Zeit, in der Spanien auf Jahre in fürchterlichem Elend versank. Dass er studieren konnte, verdankt er - neben seiner eigenen Hartnäckigkeit - vor allem auch seinen Verwandten, zum Teil Analphabeten, die ihn unterstützen. Ihnen setzte er mit seinen Schriften ein unvergessliches Denkmal, schrieb Montalbán doch immer aus der Sicht der Opfer und Verlierer. Die Schwachen dieser Gesellschaft waren es, die er in den Mittelpunkt seines Schaffens stellte - ob in seinen politischen Essays, Gedichten, Kolumnen und Krimis oder mit seinem späteren Engagement bei der Anti-Globalisierungsbewegung, der er sich nach seinem Austritt aus der kommunistischen Partei zuwandte.

Die "soziale Ungerechtigkeit" ist ein Thema, das wir unzählige Male bei unseren Treffen diskutiert haben und das ihn immer wieder veranlasste, zu schreiben. Von seinen Kollegen wurde er liebevoll auch "poligrafio" genannt, eine Bezeichnung, die Montalbán keineswegs störte und die schließlich auch der Realität entsprach, veröffentlichte er doch pro Jahr zwei bis drei Bücher. Vielleicht rührte diese unbändige Schreiblust auch aus jener Zeit, als er Anfang der 60er-Jahre - damals noch für die kommunistische katalanische PSUC tätig - aufgrund der Unterstützung einer Solidaritätserklärung für streikende Bergarbeiter für 18 Monate ins Gefängnis wanderte und mit Schreibverbot belegt wurde. Aus der Haft entlassen entfaltete er eine umfassende journalistische und schriftstellerische Tätigkeit. In seiner manchmal süffisanten, jedoch niemals besserwisserischen Art, demontierte er gnadenlos die franquistischen Eliten und deren Mitläufer. In Die Autobiografie des General Franco skizziert der Schriftsteller etwa die Innensicht des Franquismus, und in Das Spiel der Macht setzt er dem baskischen Republikaner Jesus de Galindez, der im Exil gegen die spanische Diktatur arbeitete und auf Betreiben der franquistischen Polizei in der Dominikanischen Republik gefoltert wurde, ein Denkmal.

Montalbán interpretierte die Gegenwart vor dem Hintergrund der Geschichte. Er war das unfehlbare Gewissen des Antifranquismus und klagte immer wieder, dass die Gesellschaft auf "desmemoria" fuße, dass sich die Menschen immer nur an ihre Kindheit erinnern wollen, soziale und politische Erinnerung aber ausgeblendet werden. Er war darum stets bemüht, das persönliche und historische Gedächtnis wiederherzustellen; denn schließlich zeigt uns die Geschichte die Ursachen für die Gegenwart. Nicht von ungefähr fiel daher auch Montalbáns Kritik an der modernistischen Rechten vernichtend aus; diese versuche nämlich nicht nur die Vergangenheit auszulöschen, sondern auch die Zukunft. Dadurch entstehe ein Neo-Determinismus, in dem nur noch die Gegenwart existiert. Und genau dagegen wollte Montalbán mit seiner Literatur aufstehen. Wer mit Wörtern und Ideen umzugehen versteht, hat die Pflicht, seine Meinung zu äußern und die Zerrüttungen der Gesellschaft aufzuzeigen - das war seine Devise. Montalbán machte aber nicht bei Franco Halt, er rechnete auch mit den Wendehälsen des demokratischen Übergangs ab, genauso mit den Sozialisten der 80er und den heute regierenden Konservativen. Montalbán erzählte mir einmal, dass sich der konservative Ministerpräsident Aznar nie mit ihm treffen wollte, aus Angst, sich selbst in einem Buch wiederzufinden. Man darf gespannt sein auf La aznaridad. Por el imperio hacia Dios o por dios hacia el imperio, eine Abrechnung mit der konservativen Regierung José María Aznars, die nun postum 2004 erscheinen wird. []

Alfred Gusenbauer ist Vorsitzender der SPÖ.

Alfred Gusenbauer über seinen Freund, den kürzlich verstorbenen Schriftsteller Manuel Vázquez Montalbán
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