"Offen evangelisch" in die Zukunft

24. Oktober 2003, 20:13
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Offen evangelisch" planen Österreichs evangelische Christen ihre Zukunft. Unter diesem Titel wird schon seit einem Jahr an einer Organisationsentwicklung der evangelischen Kirchen gearbeitet. Sie ist das Hauptthema der am 29. Oktober im Wiener Albert-Schweitzer-Haus beginnenden Generalsynode, zu der alljährlich knapp vor dem Reformationsfest Vertreter der beiden großen protestantischen Kirchen, der Lutheraner (A.B. = Augsburger Bekenntnis) und der Reformierten (H.B. = Helvetisches Bekenntnis) zusammenkommen. Daneben wird es mit Sicherheit um die Asylpolitik und den europäischen Integrationsprozess gehen.

Die beiden Kirchen, die zuvor jeweils interne Synoden abhalten, reagieren damit auf die demographische Entwicklung. Nach den Daten der Volkszählungen ging der Anteil der Mitglieder der evangelischen Kirchen an der Gesamtbevölkerung in den letzten Jahren ständig zurück -von 5,0 Prozent (1991) auf 4,7 (2001). Mit 376.150 Gläubigen lagen die Evangelischen 2001 nicht mehr weit vor dem Islam, zu dem sich damals bereits 338.988 Bewohner Österreichs (4,2 Prozent) bekannten. Zum Vergleich: 1991 gab es erst 158.776 (2,0 Prozent) Muslime in Österreich. Hatte der Islam damals nur in Vorarlberg mehr Angehörige als die Evangelischen, so trifft das jetzt auch noch in Wien, Tirol und Salzburg zu, vielleicht auch schon bald in Nieder-und Oberösterreich.

Das Management von "Offen evangelisch" liegt bei der eigens für diesen bis 2004 angelegten Entwicklungsprozess freigestellten Pfarrerin Monika Salzer. Sie betont, dass es dabei um gemeinsames Lernen der gesamten Kirche mit externer Beratung geht. Dabei wurde nicht einem betriebswirtschaftlichen, sondern einem systemischen Ansatz der Vorzug gegeben: Das System soll sich selbst verändern, nur die Impulse kommen auch von außen. Vernetzung spiele dabei, gerade in der Diasporasituation der Evangelischen in Österreich, eine große Rolle.

Die Überalterung der aktiven Mitglieder und die Abnahme der Kirchenbindung sind unübersehbar. "Unsere Kirche ist gut verwaltet, aber sie muss lebendiger und offener werden, um sich auf die Probleme der Zeit einstellen können," sagt Monika Salzer. Jede Organisation muss heute ihre Leistungen für die Gesellschaft sichtbar machen, Kirchen verwalten "common good", indem sie Werte diskutieren und kommunizieren, sie stehen darüber hinaus für etwas, das unaufgebbar ist. "Offen evangelisch" läuft in mehreren Projekten zu folgenden Themen: "Wir sind Gemeinde", "Räume zum Wohlfühlen", "Marketing-Ideen in der Gemeinde", "Competence Center", "kirchenmit@arbeit", Personalentwicklung, Strukturentwicklung. Die Ausgangsfragen lauten: Wie können Glaube und Kirche wachsen? Welche Aufgaben werden für eine Evangelische Kirche der Zukunft wichtig sein? Wie beziehen wir unsere Aufgaben mehr auf die Mitglieder der Kirchen? Wie gewinnen wir begeisterte und qualifizierte MitarbeiterInnen? Wie können wir die vorhandenen Mittel sachgerecht einsetzen und angemessen vermehren? Die Koordinierung obliegt einer Steuerungsgruppe unter Oberkirchenrat Michael Bünker. Man will, so Salzer, "was Organisation betrifft, ein tolles Dienstleistungsunternehmen werden". Das Spannende sei, die Kirche sowohl als Leib Christi als auch als Organisation zur Geltung zu bringen.

Die Synoden und die Generalsynode sind die höchsten gesetzgebenden Organe der beiden Kirchen. Die für sechs Jahre gewählten 68 Abgeordneten der Generalsynode kommen aus den sieben Diözesen der Kirche A.B., der Kirche H.B. und den gemeinsamen Werken und Einrichtungen der Kirche. Sie sind an keine Weisungen und Beschlüsse gebunden und nur ihrem Gewissen verpflichtet. Die Generalsynode berät und beschließt die Kirchengesetze und die sonst geltenden generellen Regelungen, zum Beispiel in Bezug auf den Religionsunterricht, und sie berät über grundsätzliche Fragen. []

Die Evangelische Generalsynode diskutiert schwindende Kirchenbindung. Von Heiner Boberski
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