Abgetastete Moderne

24. Oktober 2003, 23:22
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Markus Hinterhäuser spielt Werke von John Cage und Galina Ustvolskaya

Graz - Sehr nachtragend kann er nun wirklich nicht sein. Keine zwei Jahre war es her, dass Markus Hinterhäuser, der für die Salzburger Festspiele (noch unter Gerard Mortier) ein Moderne-Festival namens Zeitfluss organisierte, vom damals neuen Intendanten Peter Ruzicka mit den Mitteln der Nichtkommunikation aus der Salzburger Sommerplanung hinauskomplimentiert wurde. Ruzicka erklärte die Moderne - mittlerweile unter dem Begriff Salzburger Passagen subsumiert - zur Chefsache. Doch siehe da: Just bei diesen Passagen spielte nun Pianist Markus Hinterhäuser im letzten Sommer in Salzburg Werke von Giacinto Scelsi und Luigi Nono.

Irgendwie passt das allerdings zu Hinterhäuser, dieser Künstlerperson, die immer die Aura einer gewissen gelassenen Unabhängigkeit umweht. Er ist Pianist abseits der obligaten Konzertpfade mit dem Hang zur Moderne; er ist Veranstalter von beachtlicher Originalität. Weder jedoch hatte man je das Gefühl, hier würde einer Karriere machen wollen mit den Mitteln der Anpassung an die Szene.

Frische Ideen

Noch hat man beim Veranstalter Markus Hinterhäuser, der mittlerweile bei den Wiener Festwochen das kleine Subfestival Zeitzone (wie bei Zeitfluss zusammen mit Partner Tomas Zierhofer-Kin) ausrichtet, den Eindruck, er würde sich zwecks Jobsicherung in die Niederungen der Positionskämpfe begeben.

Er macht, woran er glaubt. Und dies auch nur dann, wenn er das Gefühl hat, genug frische Ideen zu haben. Er ist kein Hamster im Konzertrad, meint, man dürfte eigentlich nur dann spielen, wenn einem danach ist, weshalb seine Konzerte eher rar sind. Und was Festivals anbelangt, ist er im Grunde auch kein Freund der Institutionalisierung, weshalb er gerne von der Gewohnheit abgeht, justament jedes Jahr etwas organisieren zu müssen.

Logisch, dass man oft meint, ihn in einem Zustand des Undefinierten und Unklaren anzutreffen, in dem er meint, noch nicht so recht zu wissen, was er als Nächstes machen würde. Vieles sei doch bei ihm ungeplant passiert, die wichtigen Dingen müssen sich irgendwie ergeben. "Es gibt keinen Weg. Der Weg entsteht im Gehen." An diesen Spruch von Luigi Nono muss man auch bei Markus Hinterhäuser denken.

Wenn er etwas macht, dann hat das allerdings ein gewisses Profil und Format. Bei Wien Modern interpretiert er an zwei Tagen gleich das Klaviergesamtwerk von Morton Feldman; ein Marathon, vor dessen Bewältigung auch Hinterhäuser mulmig wurde. In Zürich war er dabei, um als szenisch durchaus aktiver Pianist mit Christoph Marthaler die musiktheatralische Umsetzung von Schuberts "Schöne Müllerin" mitzuerarbeiten.

All dies Unkonventionelle hat natürlich auch seine biografische Frühsymptomatik, könnte man sagen. Zweifellos weist denn auch der Werdegang des 1959 in La Spezia/Italien Geborenen Spuren des Unüblichen auf. Er bestreitet ein Klavierstudium in Wien und Salzburg, noch vor dem Diplom bricht er jedoch sein Studium ab, bestreitet dann allerdings Meisterkurse bei Elisabeth Leonskaja und Oleg Maisenberg.

Er wird schließlich Liedbegleiter von Brigitte Fassbaender; auch von Countertenor wie Jochen Kowalski und Bariton Thomas Hampson. Zusammenarbeit ergibt sich daneben auch mit Thomas Zehetmair, dem Arditti String Quartet oder den Mitgliedern des Ensemble Modern. Natürlich betätigt sich Hinterhäuser auch solistisch. Zudem unterrichtete er das Fach Liedgestaltung an den Universitäten von Karlsruhe und München.

Beim Konzert der "Ikonen des 20. Jahrhunderts" widmet er sich Werken von John Cage und der russischen Komponistin und Schostakowitsch-Schülerin Galina Ustvolskaya. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.10.2003)

Von
Ljubisa Tosic

12.11., 19:30 Uhr
Helmut-List-Halle, Waagner-Biró-Str. 98a

Diese Serie erscheint mit
finanzieller Unterstützung
von Graz 2003.
Redaktion: Thomas Trenkler

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