Blaue Blase fertig, passende Kunst gesucht

24. Oktober 2003, 19:39
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Markus Mittringer

Graz - Einmal in die Jahre gekommen, wollen ältere Gebäude immer wieder einmal radikal gesäubert werden, heißt, von nachträglichen, im Lauf der Zeit oft wuchernden Einbauten befreit, wieder in den Urzustand zurückversetzt werden. Oft passiert das aus praktischen Erwägungen, oft ist so eine Radikalkur, genauso wie der Zubau vorweg, schlicht von Tagesmoden bestimmt.

Beim Kunsthaus Graz ist das anders: Es ist als Substanz brandneu, basiert aber auf einer optimistischen Idee aus den 60er-Jahren oder auch auf jenen Überlegungen zum Ausstellungsraum, die Friedrich Kiesler noch viel früher entwickelt hat. Das neue Kunsthaus Graz muss, um als Ausstellungsraum überhaupt erst bespielbar zu sein, gleich vorweg mit allerhand Ein- und Anbauten versehen werden.

Mit Stellwänden, Verschlägen und Kobeln musste ihm Direktor Peter Pakesch erst einmal ein Fassungsvermögen zimmern lassen, um Kunst, im konkreten Fall viel Flachware, überhaupt unter- und vor allem anbringen zu können. Weil: Wo kein Flecken gerader Wand, da lässt sich ohne besondere Vorrichtungen (vergl. Kieslers Vorschläge, die Bilder durch Arme gehalten vor den gekrümmten Flächen quasi schweben zu lassen) nichts anbringen. Dasselbe gilt im Übrigen für Projektionen: Auch dafür müssen künftig Ausstellung für Ausstellung eigens kostenintensiv Wände aufgezogen werden.

Zu diesen Basisschwierigkeiten kommt die Nebensächlichkeit, dass es für nicht selbsttätig leuchtende Kunst in den amorphen Gewölben an der Mur (man sieht sie bedauerlicherweise von innen nicht) schlicht zu dunkel ist. Aber Sponsoren sei Dank kann man alles nachjustieren. Und bevor man sich jetzt schon die Frage stellt, ob denn diese Präsentationsbedingungen den einzelnen Objekten gerecht werden, ist die Frage beantwortet, ob denn die Wände und Kobel die Architektur stören würden.

Ja! Jetzt teilen die sicherheitsbewusst massiv verbauten Schlitze für die Rolltreppen die beiden Ausstellungsebenen ohnehin schon brachial in Hälften, und dann steht auf den mageren verbliebenen Freiflächen auch noch inständig eine Barriere im Weg, um einen Blick so weit schweifen zu lassen, dass man dessen Strecke bezogen auf die Architektur auch als Achse bezeichnen könnte.

Maßkunsthaus

Man muss sich den durch die Einbauten evozierten Effekt in etwa so vorstellen, als könnte ein auf Eventgastronomie spezialisierter Baumeister ohne ökonomische Einschränkungen seiner Fantasie kreativ freien Lauf lassen und eine Raststätte als artifizielles Durcheinander von Themenwirten gestalten. In der oberen Ausstellungsebene - der mit den neonverstärkten Lichteinlass-Nozzles - schwebt über dem verunglückten Haufendorf dann noch ein Himmel voller fremder Galaxien.

Sicher, es wird sich Kunst finden - oder eher extra anfertigen lassen -, die mit all dem ordentlich zurechtkommt, und Pakesch hat ja seine Eröffnungschau Einbildung - Das Wahrnehmen in der Kunst als erste einer langen Reihe von Ausstellungen definiert, die versuchen werden, Grundlagen für dieses architektonische Experiment zu erarbeiten. Die Angst, der fortwährend erzwungene Raumbezug könnte die Möglichkeiten eines Hauses für permanent wechselnde Präsentationen zu sehr einschränken, es schlichtweg rasch fad werden lassen, in jeder Schau Peter Cook und Colin Fournier zum Thema zu haben - diese Angst konnte die Einbildung jedenfalls nicht lindern.

Eine Schau, die im besten Sinn ordentlich gemacht ist, das Thema der Perzeption variantenreich anreißt, eine Schau, die als Einführung in Grundlagen der Kunstbetrachtung ebenso für ein breites Publikum geeignet wie ob der Qualität einzelner Arbeiten auch Spezialisten zu befriedigen im Stande ist.

Wenn aber dann doch zwangsläufig die zugleich einströmenden Wahrnehmungen von Schauraum und Schaustück schmerzlich kollidieren, sei ein Besuch in Olafur Eliassons Rundum-Lichtraum anempfohlen: Das ist eine entspannende Lichttherapie für den gestressten internationalen Kunstfreund. Harmlos und schön. Oder ein Irren in Gianni Colombos Spazio Elastica - einem Nachbau, begründet durch die glaubwürdige Versicherung, man hätte das Original schon bei der legendären Grazer Trigon '67 zukunftsweisend gefunden.
Bis 18 1. 2004
www.kunsthausgraz.at

Schon "Einbildung - Das Wahrnehmen in der Kunst", die erste Schau im Grazer Kunsthaus, zeigt, dass es einigermaßen schwierig werden wird, aus der blauen Blase einen brauchbaren und variablen Kunstraum abzuleiten. Andernorts hätte man im Folgenden die Kunst besprochen.
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