Highflyer China

30. Oktober 2003, 19:45
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In Chinas boomenden Metropolen entwickelt sich eine neue, junge Mittelklasse, zahlungskräftig - und markenbewusst - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Die Bilder des ersten "Taikonauten" haben in aller Welt für großes Aufsehen gesorgt: Yang Liwei mit der Raumkapsel Shengzou 5 ist Vorbote eines ehrgeizigen Landes, das seinen Platz als mächtigstes Weltreich zurückerobern will. Nicht nur symbolisch, sondern auch ökonomisch demonstriert China seine Stärke: Mit einem atemberaubenden Wachstum von 8,5 Prozent in diesem und dem Eintritt in die WTO im vergangenen Jahr ist China auf dem Weg zur größten Volkswirtschaft der Welt.

Laut Weltbank wird sein BIP schon 2015 das der USA überholen, gemessen an der Kaufkraft ist es bereits 2010 so weit. So schmücken bereits die ersten "homegrown" Dollar-Milliardäre aus China die Forbes-Liste - wie William Ding Lei, 32 Jahre alter Internetunternehmer, oder Immobilienmagnat Larry Rong Zhijian.

Fulminantes Comeback

Maos "langer Marsch" wird zu einem fulminanten Comeback: Gelingen die gewaltigen Reformaufgaben, so wird die jahrtausendalte Weltmacht eine Blüte erleben, die das ökonomische Gefüge der globalen Wirtschaft transformiert. China ist darum eine, wenn nicht die Herausforderung für die Wirtschaft - als Wachstumsmarkt und Wettbewerber.

Erstens: China als Wachstumsmarkt: Waren es 2001 noch rund 17 Millionen Chinesen, die über ein Jahreseinkommen von mehr als 3900 Dollar verfügten, so werden es 2006 schon 39 Millionen sein. Diese neue "Mittelschicht" sorgt für die rasante Zunahme der Nachfrage nach hochwertigen Konsumartikeln. Allein der Automobilmarkt wird bis 2007 auf sechs bis zehn Millionen anwachsen. Seit einer Woche ist der BMW 325i "Made in China" - als Joint Venture mit dem Minibushersteller Brilliance - zu haben. Rund 30.000 Fahrzeuge für den chinesischen Markt sollen in den nächsten Jahren in Shenyang produziert und verkauft werden.

In Chinas boomenden Metropolen entwickelt sich eine neue, junge Mittelklasse, zahlungskräftig - und markenbewusst. Wo bislang vor allem der Preis als Entscheidungskriterium wichtig war, werden zunehmend Markenbotschaften wahrgenommen. Nike hat seine Werbeausgaben binnen zwei Jahren verdoppelt, Tendenz steigend.

50 Mode-Läden

Auch Modehersteller wie Tom Tailor haben es erkannt und planen mit dem staatlichen Joint-Venture-Partner Chinatex in den nächsten zwei Jahren 50 Läden zu eröffnen. Chinatex, mit einer Milliarde Dollar Umsatz größtes Import-Export-Unternehmen der Branche, will künftig nicht nur im Auftrag und Namen amerikanischer und westeuropäischer Labels produzieren, sondern selbst in Design und Handel einsteigen. Der Know-how-Transfer spielt eine entscheidende Rolle - zukünftige Wettbewerber werden gezüchtet.

Zweitens: China als Wettbewerber: China ist heute unter anderem weltgrößter Produzent von Stahl, Handys und Textilien und entwickelt sich zum bevorzugten Hightechstandort, an dem die Unternehmen Schlange stehen, um die Genehmigungen der zentralen Planungskommission für neue Fabriken oder Forschungslabors zu bekommen. Unternehmen wie D'Long, Chinas größtes privates Investmenthaus, der Hausgeräte- und Unterhaltungselektronikriese Haier oder Huawei - Hauptwettbewerber von Cisco und mit 3,1 Mrd. Umsatz kein Leichtgewicht - sind zu ernsten globalen Wettbewerbern geworden.

Von Konfuzius, dessen Lehre bis zum Ende des Kaiserreichs 1912 Staatsdoktrin war, lernen wir eine geradezu strategische Weisheit: "Wer sich nicht viel Gedanken macht über das, was weit weg ist, der wird bald Schlimmerem nahe sein." Highflyer China kann uns hier links überholen.


Nachlese

->Berechenbare Helden
->Ein amerikanischer Traum
->Die Kraft der Liebe
->Volkstheater Voest
->Manna vom Osten
->Es lebe die "Diktokratie"
->Goodbye Gurus?
->Wohlstand für viele Menschen
->Höchst gesunde Aussichten
->Die hohe Kunst des Ausruhens
->"...hominis est errare...
->Europas Zukunft sieht alt aus
->Sind Optionen keine Option?
->Brand It Like Beckham
->Jazz statt Symphonie
->Erfolg=Wissen mal Fähigkeiten
->Wozu braucht man Berater?
->Veränderungs-Dilemma
->Ein Plädoyer für Strategie
->Wenn Manager autistisch werden
->Sag mir, wo die Frauen sind ...
->Ich google - Sie auch?
->Die Demokratisierung des Luxus
->Abschied von der AG?
->Die Geheimnisse des Phoenix
->Siegen à la Alinghi
->Anleitung zum Glücklichsein
->Die Suche nach dem Mehr
->Lust auf Leistung
->Eine doppelte Melange
->Sei willkommen Krise?
->"Denk' ich an Deutschland..."
->Gegen die Endzeit-Stimmung

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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