"Jeder hier fürchtet um seinen Job"

31. Oktober 2003, 18:05
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Die Eisenbahner wollten Antworten haben - Bahn-Chef vorm Walde stellte sich den Fragen, konnte die Sorgen aber nicht zerstreuen

Die Eisenbahner wollten Antworten haben, wie es mit der Sicherheit ihrer Jobs und den Verdienstmöglichkeiten nach der Bahnreform bestellt sein wird. Bahn-Chef vorm Walde stellte sich den Fragen, konnte die Sorgen der ÖBBler im Werk Simmering aber nicht zerstreuen.

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Wien – Es ist kalt, der erste Schnee liegt auf der Straße. Um das ÖBB-Werk im 11. Wiener Bezirk, das auf neudeutsch "Technische Services Simmering" heiß, pfeift der Wind.

An diesem Freitagvormittag hat sich kein Geringerer als ÖBB-Generaldirektor Rüdiger vorm Walde angesagt. Er will der Belegschaft Rede und Antwort stehen zum Stand der Bahnreform. Der Empfang ist kühl. Kühl ist auch der Umgang mit den Berichterstattern. Sie werden des Grundstücks verwiesen.

Blanke Nerven

"Das ist Werksgelände, Privatgrund, bitte gehen sie", heißt es freundlich, aber bestimmt. Im ÖBB-Vorstand liegen offenbar die Nerven blank. Die Eisenbahner fühlen sich "von der Regierung verraten" und "vom Management im Stich gelassen", bekommt man nach der Veranstaltung zu hören.

"Jeder hier fürchtet um seinen Job", sagt Herr Oswald. Seit 1981 ist er bei der Bahn. "Ich bin damals mit 8000 Schilling eingetreten, obwohl ich 12.000 in der Privatwirtschaft verdient habe. Die Gehaltseinbuße hab' ich akzeptiert, weil mir ein sicherer Arbeitsplatz wichtiger war als mehr Geld bei höherem Risiko. Damals hab' ich gerade eine Familie gegründet." Jetzt verdient Herr Oswald 1066 Euro im Monat und muss damit sich und seine zwei Kinder durchbringen. Die Frau hat ihn verlassen.

Pfeifkonzert

150 bis 200 Leute haben sich in der Halle eingefunden. Wo sonst abgetakelte Reisezugwaggons aufgemotzt werden, geht es heute um andere, für die Eisenbahner vitale Dinge. ÖBB-Chef vorm Walde wird laut Ohrenzeugen gefragt, wie er sich fühlen würde, wenn man per Gesetz in seinen privatrechtlichen Vertrag eingreifen würde. "Genauso elend wie die Eisenbahner", ist seine Antwort. Ob er garantieren könne, dass die geplante Aufhebung des Kündigungsschutzes für unter 40- jährige ÖBBler nicht kommen werde und auch Lohneinbußen zwischen 15 und 35 Prozent nicht zu befürchten seien? Vorm Walde weiß keine passende Antwort. Daraufhin gibt es ein Pfeifkonzert.

Erste Züge stehen

"Vorm Walde steht im Walde und nicht zu uns", steht auf einem Plakat. Auf einem anderen steht: "ÖBB-Vorstand kniet vor Kukacka" (Helmut, für die Bahnreform zuständiger Staatssekretär; Anm.).

450 Mitarbeiter sind in der Grillgasse im ÖBB-Werk Simmering beschäftigt. Vor zwanzig Jahren waren es fast doppelt so viele. Das Werk gibt es seit 1872, es hat die Monarchie und zwei Weltkriege überlebt. Außerdem ist hier die Gewerkschaft der Eisenbahner entstanden, Jahre vor dem Gründungsparteitag der Sozialdemokratie 1888 in Hainfeld.

"Familiensilber wird verscherbelt"

Herr Oswald fürchtet, dass nun alles den Bach hinuntergeht. "Das Familiensilber wird verscherbelt, Leute von Billa, Hofer und Lidl waren schon da, sich umzuschauen. Wir hier werden zu einer Servicestelle degradiert und nochmals geschrumpft." Die Eisenbahner setzen unterdessen ihren Dienst nach Vorschrift fort. Erste Zugausfälle habe es in Graz gegeben, sagte die Gewerkschaft. Güterzüge würden auch im Raum Wien stehen. (Günther Strobl, DER STANDARD Printausgabe, 25./26.10.2003)

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    Bahn-Chef vorm Walde stellte sich den Fragen der versammelten Eisenbahner im Werk Simmering, konnte deren Sorgen aber nicht zerstreuen

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