Wilcke: "Da gibt es große Ungereimtheiten"

26. Oktober 2003, 14:29
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Vier Milliarden Dollar an Aufbauhilfe für den Irak sind schon verschwunden - Christoph Wilcke von "Save the Children" im STANDARD-Interview

DER STANDARD: Die Geberkonferenz hat etwas mehr als die Hälfte der Gelder zusammenbekommen, die der Irak in den nächsten vier Jahren braucht. Ist das ausreichend?

Christoph Wilcke: Es ist ein Erfolg an sich, dass die Konferenz stattgefunden hat und dass sich viele neue Nationen bereit erklärt haben, beim Wiederaufbau des Irak mitzuhelfen. Allerdings, wenn man die Summen anschaut, die hier in Madrid versprochen wurden, dann ist das nur ein kleiner, sehr vorsichtiger Schritt.

STANDARD: Werden die Gelder tatsächlich dahin gelangen, wo sie gebraucht werden?

Wilcke: Wir haben da einige Bedenken, was die Verwaltung der Gelder durch die CPA (Behörde des US-Zivilverwalters im Irak) angeht. Unsere Sorge ist die mangelnde Transparenz beim Budget. Uns ist unklar, wie irakische Gelder von den internationalen separat gehalten werden.

STANDARD: Zusammen mit Christian Aid drängen Sie in Großbritannien auf eine parlamentarische Untersuchung zu diesem Thema.

Wilcke: Ja, es gibt da sehr große Ungereimtheiten. Insgesamt sind vier Milliarden Dollar von der CPA ohne Belege ausgegeben worden.

STANDARD: Was heißt das? Sind die im Sumpf der Korruption verschwunden?

Wilcke: Ich möchte niemandem Korruption unterstellen. Die Frage ist vielmehr, ob die Gelder für die richtigen Prioritäten verwandt werden. Es gibt sehr, sehr viele Verträge, um z.B. Ölinstallationen zu sichern. Damit werden internationale Gesellschaften beauftragt. Diese Kosten müssten die Besatzer übernehmen. Es kann nicht angehen, dass die Iraker, die mit fünf Dollar am Tag leben müssen, auch dafür noch bezahlen. Denn die prekäre Sicherheitslage ist nicht ihr Verschulden. Sie ist eine direkte Folge des Krieges.

STANDARD: Jetzt kommen zwei neue Fonds hinzu, ein Weltbankfonds und ein Fonds der UNO. Das macht den Prozess nicht unbedingt transparenter.

Wilcke: Es besteht die große Gefahr eines Wettbewerbs zwischen den Fonds. Die Iraker müssen sich ständig für die gleichen Bereiche an verschiedene Töpfe mit verschiedenen Vergabekriterien wenden. Das wird den Aufbau nicht effektiver machen. Hinzu kommen dann noch Länder, die weder in die neuen Fonds noch in die Besatzungsverwaltung einzahlen, sondern bilateral Gelder vergeben. Das macht das ganze nochmal komplizierter und schwerer koordinierbar. (DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.10.2003)

Von Rainer Wandler

Zur Person:
Christoph Wilcke ist Sprecher bei der US-britischen NGO "Save the Children".

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