"Rechenschaft über Leistungen ablegen"

29. Oktober 2003, 17:35
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Günter Haider, Chef der "Zukunftskommission", im STANDARD-Interview über die Chancen, das seine Reformvorschläge umgesetzt werden

Günter Haider, Chef der "Zukunftskommission", meint, dass nur personell und budgetär autonome Schulen Verantwortung tragen können. Mit ihm sprach Martina Salomon.

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STANDARD: Bei einigen Ihrer Vorschläge wird es Konservativen "die Schuhe ausziehen", zum Beispiel bei der Ablehnung des Sitzenbleibens. Wie groß sind die Chancen zur Umsetzung bei dieser Regierung?

Haider: Wir sind nicht angestellt worden, um die politische Durchsetzbarkeit abzuwägen, sondern um zu sagen, was wir für gut halten. Wir haben zum Beispiel sehr gute Argumente angeführt, die die Noten sehr relativieren und die eine stärkere Lernzielorientiertheit und eine Objektivierung an den Schnittstellen dringend nahe legen.

STANDARD: Gibt es eine Reaktion der Frau Minister?

Haider: Die Frau Minister hat das Papier mit Wohlwollen gelesen, aber sachlich noch nicht Stellung genommen.

STANDARD: Was sagen Sie zur Ablehnung der Lehrerschaft in einem wichtigen Punkt: dass nämlich Schulen ihre Pädagogen selbst aussuchen und sich auch wieder von ihnen trennen dürfen?

Haider: Ohne personelle und finanzielle Autonomie der Schulen bleibt das Ganze auf halbem Weg stecken. Wenn man die Schulautonomie zu Ende denkt und die Schulen auch für ihre Leistungen zur Rechenschaft zieht, dann kann man ihnen nicht einfach Personal aufs Auge drücken. Wenn sie ihr Personal nicht auswählen dürfen, können sie sich immer ausreden, dass mit dem vorhandenen keine besseren Leistungen erzielbar waren.

STANDARD: Es werden Standards vorgeschlagen, wird die auch die Zukunftskommission erarbeiten?

Haider: Für die achte Schulstufe Mathematik gibt es schon eine fertige Arbeit - womit jetzt einmal ein fertiges Beispiel vorliegt.

STANDARD: Das heißt, die Arbeit muss weitergehen? Haider: Standards entwickeln ist nichts, was man zwischen Frühstück und Mittagessen machen kann, sondern da braucht man Experten. In ein bis eineinhalb Jahren könnten Standards für den allgemein bildenden Bereich vorliegen.

STANDARD: Wie lange zahlt das Ministerium Ihre Arbeit?

Haider: Den bisherigen Vertrag haben wir erfüllt. Das Weitere liegt in der Hand der Frau Minister. Es soll jetzt eine drei- bis viermonatige Diskussionsphase kommen, wo wir das Konzept mit allen Betroffenen diskutieren wollen. Wobei wir die Ministerin nicht als Schutzschild brauchen. Das ist unser Konzept, und das verteidigen wir auch.

STANDARD: Manches wie der Gesetzesanspruch auf Ganztagsbetreuung wird natürlich schwer umsetzbar sein.

Haider: Wenn man nicht einen starken Hebel wie ein Anrecht einführt, wird sich nichts bewegen.

STANDARD: Warum haben Sie nicht am Tabu Gesamtschule gerührt?

Haider: Weil das jetzt nur ein neues Pickerl auf alte Schulen wäre. Gesamtschule heißt in seinem Kern, einen sehr stark individualisierten Unterricht anzubieten. Das haben die Lehrer weder gelernt, noch ist das derzeit in der Praxis auch nur andeutungsweise zu realisieren. In den nächsten Jahren müssen wir sehr stark auf die Individualisierung des Unterrichts achten. Die Lehrer müssen dafür gezielt ausgebildet werden. Im Augenblick halte ich es für sinnlos, über die Gesamtschule ernsthaft zu diskutieren. Langfristig: ja. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26.10.2003)

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    Bildungsforscher Günter Haider ist Leiter des PISA-Forschungszentrums am Salzburger Institut für Erziehungswissenschaft und Chef der "Zukunftskommission"

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