Pressestimmen: Skepsis gegenüber amerikanischen Interessen

25. Oktober 2003, 12:41
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Independent: "Es werden immer Zweifel hinsichtlich der Absichten der USA bleiben" - Tagesspiegel: "Das Misstrauen ist geblieben"

London/Paris/Rom/Berlin/Moskau - Die Madrider Irak-Geberkonferenz beschäftigt am Freitag zahlreiche europäische Pressekommentatoren:

"The Independent" (London):

"Es ist an den USA und Großbritannien, als den beiden Ländern, die ohne UNO-Zustimmung den Angriff auf den Irak geführt haben, die Hauptverantwortung für den Wiederaufbau zu übernehmen. Bisher haben sie schon kläglich bei der ersten Aufgabe - der Gewährleistung von Sicherheit - versagt. (...) Viele Gegner des Krieges in aller Welt - von den Irakern gar nicht zu reden - hatten schon immer den Verdacht, dass sich Washington vor allem eine billige und reichlich sprudelnde Ölquelle sichern wollte. Solange ein so großer Teil der irakischen Zukunft von Amerika kontrolliert wird - ohne internationale oder irakische Kontrolle -, werden immer Zweifel hinsichtlich der Absichten der USA bestehen bleiben."

"Le Figaro" (Paris):

"Die wesentliche Frage hat Donald Rumsfeld selbst gestellt: Sind wir dabei, den Krieg gegen den Terrorismus zu gewinnen oder zu verlieren? Auch die Kritiker des Irak-Krieges wissen, dass die gesamte westliche Welt vom Terrorismus bedroht wird. Deshalb erscheint die Geberkonferenz der günstige Augenblick, um den westlichen Block um dieses wesentliche Problem zu vereinen. Auch wenn man dabei den USA eine Änderung ihrer Irak-Politik aufzwingen sollte. Es ist unglaublich, dass die USA Finanzhilfe anfordern und ihren eigenen Beitrag senken wollen, ohne die Verträge über den Wiederaufbau des Landes oder die Verwaltung der Krise mit anderen teilen zu wollen."

"Es wäre sinnlos, aus politischen Gründen Dutzende Milliarden Dollar in den Irak zu pumpen, wenn das Land wegen des schlechten Zustands seiner Infrastrukturen im kommenden Jahr nur etwa 5 Milliarden Dollar sinnvoll einsetzen kann. Ein Land kann nur mit einem Minimum an Sicherheit und einer funktionierenden Justiz wieder in Gang gebracht werden. Und beides fehlt heute im diesem Land. Weil Präsident Bush die Kontrolle über den Übergang im Land nicht aus der Hand geben will, sind die Partnerländer auf der Geberkonferenz nicht bereit, mehr Geld zu geben - zum Nachteil der Iraker und der amerikanischen Steuerzahler."

"La Repubblica" (Rom):

"Der Appell von Kofi Annan wirkt wie ein fast verzweifelter Versuch, mit einem Schlag allen Streit zu beseitigen und mit aller Macht die Wiederaufbaupläne für den Irak anlaufen zu lassen. Aber der UN-Generalsekretär weiß, dass die Vereinten Nationen dabei erneut Gefahr laufen, beim Entscheidungsprozess an den Rand gedrängt zu werden. Und genau dies ist ein Streitpunkt zwischen der Regierung Bush, die so schnell wie möglich mit dem großen Geschäft der Nachkriegszeit beginnen will, und einigen europäischen Regierungen mit Frankreich und Deutschland an der Spitze, die besorgt sind über den Mangel an klaren Garantien über den Einsatz der Gelder."

"Der Tagesspiegel" (Berlin):

"Das Misstrauen ist geblieben. Aber auch die Unentschiedenheit. Noch immer beobachten viele das Vorgehen der Amerikaner im Irak mit großer Skepsis. Dieses mit Geld zu unterstützen, so sehr man sich den Wiederaufbau des Irak auch wünschen mag, widerstrebt nicht nur den Deutschen. So erklärt sich die Zurückhaltung, mit der die Geberkonferenz in Madrid begann. Aber wie vor dem Krieg gilt auch heute: Wer Einfluss ausüben will, muss sich engagieren. "

"Kommersant" (Moskau):

"Aus Sorge vor einer Niederlage bei den kommenden Präsidentenwahlen muss George W. Bush die Lasten im Irak auf viele Schultern verteilen. Doch die US-Führung will vermeiden, dass das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird. Großmütig bietet man anderen die Beteiligung im Irak an, ohne die wichtigsten Hebel aus der Hand zu geben. Die anderen Staaten drängen nach der zentralen Regierungsmacht im Irak. Darum geht es bei dem Geschäft. Die wichtigste Frage lautet derzeit: Wer wird den Nachkriegs-Irak kontrollieren?" (APA/dpa)

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