Kampf um den elektronischen Handel in Japan

17. Jänner 2000, 09:45

Internet-Handel soll sich bis 2001 mehr als verzehnfachen - Bargeld-orientiertes Japan erst am Anfang der Entwicklung

Tokio - Abends um zehn in einem Supermarkt in Tokio. Ein junger Mann schiebt seine Mini-Disc in einen Computer-Terminal, lädt die neueste Hip-Hop-Scheibe vom Internet, bestellt per Tastendruck zwei Konzerttickets und bucht zum Abschluss noch eine Reise nach Bali. Was in Deutschland noch wie Zukunftsmusik klingen mag, wird in Japan jetzt Wirklichkeit. Unter den Betreibern von 24-Stunden-Supermärkten ist ein Kampf um den elektronischen Handel entbrannt, der zu tief greifenden Veränderungen im gesamten Einzelhandel führen könnte.

Mit Hilfe von Multimedia-Terminals sollen sich Japans "convenience stores" künftig in eine Mischung aus realem Supermarkt und virtuellem Internet-Geschäft verwandeln. Die Betreiber der rund 40.000 meist durchgehend geöffneten und übers ganze Land verstreuten Nachbarschaftsmärkte wollen auf diese Weise ihr Angebot deutlich ausweiten und so ihre Kundschaft länger an sich binden. Künftig können die Kunden an Computerterminals auch Fotos von Digitalkameras drucken oder Autos, Mobiltelefone und Bücher bestellen.

Zu diesem Zweck schmiedet dieser Tage ein Supermarktbetreiber nach dem anderen, angefangen von Seven-Eleven über FamilyMart bis Lawson, Allianzen mit Elektronikkonzernen, Handelshäusern, Reiseveranstaltern und anderen Unternehmen. Die Firma Sunkus startet daneben im April mit fünf Partnerfirmen den ersten Internet-Supermarkt des Landes. Dort kann der Kunde dann mit Hilfe seines eigenen Computers zwischen 4.000 Waren wie Lebensmitteln oder Artikeln für die Altenpflege wählen und gegen eine Gebühr übers Internet, per Telefon oder per Fax bestellen. Innerhalb weniger Stunden wird die Ware geliefert.

Zusätzlich bietet das japanische Internet "shopping malls" - Einkaufszentren - wie die der Firma Rakuten Inc.. Laut der Zeitung "Nikkei" wird die Webpage (www.rakuten.co.jp/) nach Angaben der Firma täglich 1,2 Millionen Mal aufgerufen und erzielt einen Monatsumsatz von rund 600 Mill. Yen (5,55 Mill. Euro/76,4 Mill. S). Nach einer Studie des Handelsministeriums in Kooperation mit dem Marktforschungsinstitut Anderson Consulting soll der elektronische Handel zwischen Geschäften und Privatkunden in Japan von 65 Mrd. Yen (1998) auf 870 Mrd. Yen im Jahr 2001 steigen.

Noch aber ist laut den Experten die Zahl der Transaktionen im Internethandel pro Kopf der Bevölkerung im internationalen Vergleich wesentlich geringer als in anderen Industrieländern. Der privaten Agentur Access Media zufolge zählte Japan im Februar 1999 rund 15 Millionen Internetanwender, immerhin eine Steigerung um rund 50 Prozent zum Vorjahr. Nach der Studie der Anderson Consulting zeigte sich Japan unter allen Industriestaaten als das Land, in dem die wenigsten Internetnutzer problemlos mit dem Netz umgehen können.

Als eines der größten Probleme, das die Entwicklung des elektronischen Handels in Japan behindert, gilt unter Verbrauchern die noch unzureichende Sicherheit bei elektronischen Abrechnungen. Hier steht das bargeldorientierte Japan nach Einschätzung von Experten erst noch am Anfang. Zudem müssten die Telekommunikationstarife gesenkt werden, die bei relativ langsamen Übertragungsgeschwindigkeiten im Vergleich zu den USA noch immer sehr hoch seien. Als weiteres Problem wird die teils noch starke Preisregulierung in Japan angeführt.(dpa)

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