Gericht: Präsident und Laien

24. Oktober 2003, 21:50
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Zwei Türken sollen einen Afrikaner während eines Drogendeals überfallen haben - aber er hat es vergessen und es ist ihm auch egal

Wien - Zwei Türken sollen einen Afrikaner während eines Drogendeals überfallen und ihm 50 Euro weggenommen haben. Aber der Afrikaner hat es schon wieder vergessen. Und es ist ihm auch ziemlich egal. "Sorry", sagt einer der Angeklagten zum Opfer und reicht ihm die Hand. "No problem", erwidert der Mann aus Sierra Leone, ehe er wieder in die Zelle abgeführt wird.

Wie diese Geschichte Einzug in den größten Gerichtssaal Österreichs feiern konnte, bleibt rätselhaft. Die katastrophale Akustik kommt dem Fall entgegen: Man versteht, unterstützt von zwei Dolmetscherinnen, auch das nicht, was auf Deutsch gesprochen wird.

Sinn und Unsinn von Geschworenenprozessen

Den Geschworenenprozess leitet kein Geringerer als Günter Woratsch, der Präsident des Hauses. Damit leitet er, was er selbst lieber heute als morgen abschaffen würde. (Seine Wortmeldung hat vor einigen Wochen eine hitzige Diskussion über Sinn und Unsinn von Geschworenenprozessen ausgelöst.)

Die Angeklagten wirken diesmal ähnlich verloren wie die Laienrichter. Der Kleinere ist Automechaniker im Pfusch. Sein Familienstand dürfte das Gegenteil von ledig sein. "Ich habe eine türkische Frau und eine Österreicherin", gesteht er. Kinder? - "Ja, drei, glaube ich", sagt er. Zwei davon in Österreich, da ist er fast sicher.

Geld zurückholen

Am 21. Mai soll es in der Meidlinger Lengenfeldgasse "gekracht" haben, wie man so sagt, wenn einer dringend Drogen braucht. Da haben er und seine beiden ebenfalls bedürftigen Freunde den Afrikaner entdeckt, der sie angeblich erst vor kurzem gelinkt hatte. "Mein Freund wollte sich das Geld vom Bimbo zurückholen", sagt der Angeklagte. "Das Wort ,Bimbo' haben Sie gesagt, das werden Sie von mir nicht hören", rügt der Gerichtspräsident. "Entschuldigung", sagt der Türke.

Günter Woratsch zieht jetzt die Gaspistole und fragt: "Wozu hat man so was?" - Zur Sicherheit, erklärt der Angeklagte: "Wegen den Brüdern von meiner türkischen Frau."

Der größere der beiden Angeklagten soll beim Raub mit einem Messer assistiert haben. Doch er leugnet. "Ich war 50 Meter entfernt und hab' telefoniert", sagt er. Für ihn ist die Drogen-und Geldbeschaffung an sich nichts Aufregendes. "Ganz Favoriten ist fast süchtig", gibt er an. "Jetzt übertreiben Sie aber", meint der Präsident. "Nein, ich komme von dort", zeigt sich der Mann beharrlich.

Die Urteile standen noch aus. Als sich die Geschworenen zur Beratung zurückzogen, wussten sie noch nicht recht, worüber. (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe 24.10.2003)

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