"Most" mit österreichischem Anker

29. Oktober 2003, 19:38
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Koffergroßer Satellit lauscht der "Musik" der Sterne - eine von drei Bodenstationen in Wien

Wien - Mit dem kanadischen Satelliten "Most" kreist seit Ende Juni ein neuer Horchposten um die Erde, welcher der "Musik" der Sterne lauscht und sich auf die Suche nach Planeten in fremden Sonnensystemen macht. An Kanadas erstem Weltraumteleskop - ein Minisatellit, was Abmessungen und Budget betrifft - ist auch Österreich beteiligt.

Werner Weiss vom Institut für Astronomie der Uni Wien ist das einzige nicht-kanadische Mitglied im wissenschaftlichen Konsortium für "Most". Außerdem steht in der Bundeshauptstadt eine von drei Bodenstationen für die Kommunikation mit "Most", die von den Wiener Astronomen in Kooperation mit der Technischen Universität (TU) Wien gebaut wurde.

Klein, aber oho

"Most" hat die Größe eines Koffers und ein Gewicht von 60 Kilogramm - ist also "ein kleiner Satellit, der aber große Fragen beantworten soll", erklärte Weiss am Donnerstag bei der Präsentation des Projekts auf der Universitätssternwarte in Wien. Es handelt sich dabei um die Fragen nach dem Alter des Universums, die Zukunft der Sonne und nach der Existenz extrasolarer erdähnlicher Planeten. Dazu werden kleinste Helligkeitsschwankungen von Sternen mit höchster Präzision gemessen.

Diese Schwankungen, die den Astronomen Hinweise über das Innere der Himmelskörper geben, entstehen durch das Pulsieren der Sterne, ihr permanentes Ausdehnen und Schrumpfen. Um diesen Vibrationen, quasi der Musik der Sterne, zu "lauschen", müssen geringste Veränderungen der Helligkeit gemessen werden. "Es ist, als würde man das Flackern einer Kerze um einen halben Millimeter in einem Kilometer Abstand messen", vergleicht Weiss die Herausforderung für die Asteroseismologie, wie diese Methode heißt. Um dies zu messen, wird das "Most"-Teleskop bis zu 60 Tage auf einen Stern fixiert.

Veränderungen in der Helligkeit entstehen aber auch, wenn ein Planet an seinem Stern vorbeizieht und ihn dadurch ein wenig verdunkelt - vergleichbar einer Mini-Sonnenfinsternis. Diese periodischen Helligkeitsänderungen sind zwar deutlich stärker als die durch Pulsation verursachten. Sie können aber dennoch für erdähnliche Planeten nur vom Weltall mit Hilfe hochpräziser Photometrie registriert werden, da die turbulente Atmosphäre solch feine Messungen von der Erde aus verhindert. Bisher wurden bereits mehr als 100 extrasolare Planeten entdeckt, diese sind allerdings alle Gasriesen von der Größe des Jupiters. "Mit viel Glück könnte es uns mit 'Most' gelingen, auch einen erdähnlichen Planeten zu entdecken", hofft Weiss.

Geringes Budget

"Most" ist im Vergleich zu anderen Satelliten ein Billig-Projekt. Weiss beziffert das Gesamtbudget mit 6,84 Millionen Euro. Die österreichische Beteiligung wird von der österreichischen Weltraumagentur ASA laut deren Mitarbeiter Werner Balogh mit 300.000 Euro unterstützt. Die Bodenstation haben die Astronomen in Kooperation mit Wissenschaftern des Instituts für Nachrichtentechnik und Hochfrequenztechnik der TU Wien äußerst sparsam gebaut, mit 40.000 Euro hat sie ein Zehntel vergleichbarer kommerzieller Anlagen gekostet. "Wir haben dazu Geräte und Verfahren aus dem Amateurfunkbereich benutzt", erklärte Arpad Scholtz vom TU-Institut.

Durch die Wiener Bodenstation ist es es möglich, mit dem Satelliten fast doppelt so oft zu kommunizieren als nur mit den beiden kanadischen Stationen in Vancouver und Toronto. Dies bedeutet nach Angaben der Astronomen fast eine Verdoppelung des Forschungspotenzials von "Most". Der Satellit umkreist die Erde auf einer polaren Umlaufbahn in einer Höhe von rund 830 Kilometer, für eine Erdumrundung benötigt er rund 90 Minuten. Innerhalb von 24 Stunden nimmt er acht Mal Kontakt zur Wiener Bodenstation auf und sendet dabei die aufgenommenen Daten zur Erde.

"Planeten-Jäger"

Um die wissenschaftliche Kontinuität zu wahren, streben die Wiener Astronomen die Beteiligung an künftigen "Planeten-Jäger"-Missionen an. Fix ist bereits die Teilnahme an dem Projekt "Corot", ein Satellit der französischen Weltraumagentur C.N.E.S. Auch dabei handelt es sich um ein sogenanntes Small-Mission-Projekt mit einem Gesamtbudget von knapp 30 Mio. Euro.

Österreich trägt dazu einige Prozent bei und sichert sich dadurch den gleichberechtigten Zugang zur wissenschaftlichen Durchführung des Projekts und zu allen Daten. "Corot", der 2006 starten soll, wird sich so wie "Most" dem inneren Aufbau der Sterne und der Suche nach erdähnlichen Planeten außerhalb des Sonnensystems widmen.

Teleskop "Herschel"

Ebenfalls bereits fixiert ist die Beteiligung Österreichs an dem Weltraum-Teleskop "Herschel" der Europäischen Weltraumorganisation ESA, das ab 2007 die Nachfolge des ESA-Infrarot-Weltraum-Teleskop ISO antreten soll. Österreich liefert für eines der drei Messinstrumente ein "On-Board-Datenreduktionssystem".

"Wir haben uns in den vergangenen Jahren nicht nur im Bereich stellare Astrophysik, sondern auch bei der On-Board Datenbe- und verarbeitung, der Datenkompression und des Datenmanagements hohes Know-how erarbeitet", betonte Werner Weiss. Um die bisherigen Aktivitäten fortzusetzen wünscht sich der Astronom eine Beteiligung an zwei weiteren geplanten Missionen: Der ESA-Satellit "Eddington" soll sich ab 2008 mit vier je 60-Zentimeter-Teleskopen auf die Suche nach erdähnlichen Planeten machen. Und die ESA-Mission "Gaia" stellt laut Weiss den Höhepunkt der bisherigen Planeten-Jäger dar. Ab 2012 soll mit diesem Satelliten sogar die Atmosphäre von erdähnlichen Planeten in anderen Sonnensystemen untersucht werden können.

Voraussetzung für eine Beteiligung der Wiener Astronomen an diesen beiden Missionen wäre eine Unterstützung durch die öffentliche Hand. "Dabei handelt es sich nur um wenige bis mehrere 100.000 Euro", sagte Weiss. (APA)

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