Flucht unter dem Zugboden

24. Oktober 2003, 22:46
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43- mal klickten die Handschellen - Schlepperring brachte knapp 4000 Menschen in den EU-Raum

Wien - Wer weniger Geld hatte, wurde am Unterboden von Zügen festgekettet über die Grenze geschmuggelt, Bessergestellte bekamen gefälschte Papiere und wurden in Bussen und Pkw von Tschechien nach Österreich geschleust. Nach mehrmonatigen Ermittlungen zerschlugen die österreichische, tschechische und deutsche Exekutive nun einen Schlepperring, der knapp 4000 Menschen in den EU-Raum gebracht haben soll.

43- mal klickten die Handschellen

Allein in der Nacht von Mittwoch zum Donnerstag wurden 28 Personen in Wien, Niederösterreich und Tschechien verhaftet, berichteten Sicherheitskräfte am Donnerstag in einer Pressekonferenz im Wiener Bundeskriminalamt (BK). Seit Mai klickten damit insgesamt 43-mal die Handschellen, die organisierte Bande sei damit zerschlagen, sind die Beamten sicher.

In zwei großen Phasen sollen die Verbrecher aktiv gewesen sein, schilderte der tschechische Polizeipräsident Jirí Kolar. Waren es zunächst Araber und Flüchtlinge aus Südostasien, die über Tschechien nach Österreich und Deutschland geschmuggelt worden sind, konzentrierte sich die Organisation am Ende hauptsächlich auf Tschetschenen.

Millionenumsatz Für rund 500 Euro wurde ihnen versprochen, sie aus Russland nach Westeuropa zu bringen. Tatsächlich wuchs die Summe im Lauf der Reise immer weiter an, da jedes Glied der Schmugglerkette Extralohn verlangte, schilderten die Kriminalisten. Insgesamt soll die Gruppe fast vier Millionen Euro kassiert haben.

Generell dürfte den Schleppern aber langsam die Lust an der Route über Tschechien, der Slowakei und Ungarn vergehen, resümierte BK-Leiter Herwig Haidinger. In den ersten sieben Monaten dieses Jahres sei die Zahl der aufgegriffenen Migranten, die über diese drei Länder illegal einreisen wollten, um 19 Prozent zurückgegangen. Für Gesamtösterreich weist die Statistik allerdings nur einen Rückgang von sechs Prozent auf. Der Grund laut Haidinger: Immer öfter wählen die Schlepper die Route über den Balkan und Italien.

Über die Adria nach Italien

"Da die grenzübergreifende Zusammenarbeit an der Nord-und Ostgrenze immer besser funktioniert, wächst die Gefahr für die Banden", meint der BK-Chef. Daher würden die Routen über Polen nach Deutschland beziehungsweise über die Adria nach Italien immer interessanter werden.

Der Kärntner Sicherheitsdirektor Albert Slamanig relativiert diese Analyse allerdings etwas. "Es geht oft auch um Personen aus Südosteuropa, die legal einreisen, um in der EU dann schwarzzuarbeiten. Werden sie bei der Rückreise erwischt und waren sie länger als drei Monate in der EU, gelten sie ebenfalls als Illegale", erläutert er. Aufgegriffen würden diese Personen meist bei Routinekontrollen. (Michael Möseneder, DER STANDARD Printausgabe 24.10.2003)

In einer grenz- überschreitenden Aktion konnte ein Schlepperring zerschlagen werden. Wegen des steigenden Risikos suchen die Banden verstärkt neue Routen.
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    Immer öfter wählen die Schlepper die Route über den Balkan und Italien

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