Das Topmodell der Miniaturen

28. Oktober 2003, 18:28
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Modellbaumesse - die Großen legitimieren sich mit Ernsthaftigkeit

Wien - Die einen, die Großen, fachsimpeln über die neu eingebaute Flutlichtanlage oder machen ihre Entdeckungen in Katalogen: "Da schau, die 1010er bringt er auch wieder raus, der Roco" (für Nicht-Kind-Gebliebene: Es handelt sich um ein Lokmodell).

Bei den anderen, den Kleineren, braucht's noch keine Ernsthaftigkeit als Legitimation, warum man sich mit so etwas beschäftigt. Das kommt ganz direkt und ungefiltert rüber: "Dürf' ma mit dem Zug Eisenbahn fahren? Bitte, bitte, bitte!" Der Bursch daneben ist schon martialischer unterwegs: "Mama! Mama! Schau - da sind die Panzer!" Und dann ein wenig verhaltener: "Glaubst, derf i vielleicht einmal schiaßn?"

Darf er nicht. Denn Panzer wie Lkw wie auch Hubschrauber und Düsenjets werden gleich darauf von Profis bei der Show hinterm riesigen Sicherheitsnetz vorgeführt. "Uuuuuund Feuer!" - PENG! Eine Rauchsäule auf einem Erdhauferl. Aber dass die Panzer auch eine elektronische Trefferanzeige eingebaut haben und nach Abschuss ein rotes Lamperl aufleuchtet, ist hier nicht die Sensation. Auch nicht, dass danach die Trucks so wunderbar wie ein großer Lkw brummen.

Heli am Rücken Es ist vielmehr die 3D-Hubschrauber-Show, die von Moderator Gotthard Rieger als "Weltsensation" gepriesen wird. Tatsächlich kann hier niemand wirklich erklären, wie Pilot Rudi Pernersdorfer das schafft, dass der Modellhubschrauber auf dem Rücken fliegt, ohne abzustürzen. Die gebotenen Flugkünste werden für die Laien von Schraube zu Looping und von Looping zu Schraube immer unerklärlicher.

Charme des Kerosins Der Auftritt des Düsenjets lässt keine Rätsel offen - nur die Münder der Zuschauer. "Das riecht wie Kerosin - das ist auch Kerosin", bestätigt Rieger den Bummbaffen. Und schon verbreitet sich der olfaktorische Charme von Schwechat in der Halle B des Wiener Messegeländes. Der Jet ist keinem konkreten Vorbild nachgebaut, kommt vielleicht einer F15 noch am nächsten - und ist einfach eine Wucht: Bei einem Eigengewicht von sechs, sieben Kilo blast der hinten einen Schub von 9,7 Kilogramm raus.

Eine kleine Kostprobe gefällig? Bremsen an, einmal aufdrehen und die Menschenmenge hinterm Netz legt im Abgasstrahl Ohren und vor allem die Haare an. Spitzengeschwindigkeit draußen: 350 bis 400 Stundenkilometer. "Hier drinnen können wir ihn natürlich nicht starten. Höchstens ein einziges Mal", erläutert Gotthard Rieger.

Die Stimme legitimiert Dass der bekennende Modellbaufreak Rieger hier moderiert, passt zum Legitimationsmodell der Erwachsenen - fühlen sich doch viele bei dieser Stimme wieder als Buben, die schnell noch den Ö3-Wecker hören, bevor sie zur Schule müssen.

Das passt selbst dann, wenn die Modelle nichts Nostalgisches haben, wie etwa der Nachbau der Bohrinsel Brent Spar 1, das die Hollandse Offshore Modelbouw Groep präsentiert. Was Märklin hier vorstellt, ist topaktuell und das Neueste vom Neuesten: Groß und Klein werden vom Hogwarts Express aus "Harry Potter" verzaubert. Es ist das Top-modell dieser Miniaturkollektion und wird - bis zum 26. 10. - gefilmt und fotografiert, wie sonst Kate Moss am Catwalk. (Roman Freihsl, DER STANDARD Printausgabe 24.10.2003)

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    Spielzeug für die Großen bei Modellbaumesse

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