"Pflegemissstand" nicht nur in Wien

29. Oktober 2003, 09:48
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Pflegeanwalt hat allein im Jahr 2002, in 121 Fällen Behandlungsfehler festgestellt

St. Pölten/Wien - Ein Druckgeschwür, Schweregrad vier, gehe "bis auf die Knochen oder auf den Muskel", erläutert die Gesundheitssprecherin der niederösterreichischen Grünen, Helga Krismer. Es entstehe durch längeres Wundliegen bei älteren, ans Bett gefesselten Menschen - also nicht von heute auf morgen.

Schon gar nicht "binnen zehn Stunden", wie es die Pflegedokumentation einer Patientin im niederösterreichischen Landespflegeheim Orth vom 1. 1. 2001 nahe lege. "Laut Dokumentation hat sich das Geschwür über Nacht entwickelt. Im Jahr 2001 hat ein Gutachter festgestellt, dass es in Orth sowohl zu wenig Personal für die Pflege als auch für die vorgeschriebenen Aufzeichnungen über diese gegeben hat", sagt Krismer.

Im Vorfeld einer "Aktuellen Stunde" zum Thema Heimpflege im Landtag am 6. November spricht sie von "Pflegenotstand": In Niederösterreichs Heimen und Krankenhäusern sei zu wenig qualifiziertes Personal im Dienst.

1998 - Fall einer Pensionistin

Dies zeige sich auch am Fall einer Pensionistin, die im Jahr 1998 mit einem Oberschenkelhalsbruch ins Gemeindespital Amstetten eingeliefert worden war. Die Frau habe sich mehrere Liegegeschwüre an den Beinen zugezogen, "weil es in dem Krankenhaus keine Luftkissenmatratzen und Gelunterlagen gab", zitiert Krismer auch dort aus einem Gutachten.

Das befremdet den niederösterreichischen Patienten-und Pflegeanwalt Gerald Bachinger. Er spricht in beiden Fällen von "längst mit Schadenersatzzahlungen abgeschlossenen Gerichtsverfahren". Zudem seien die zitierten Gutachten - "die übrigens dem Datenschutz unterliegen" - in seinem, Bachingers, Auftrag erstellt worden: "In Orth gab es erhebliche Mängel. Das Heim war zum Zeitpunkt der Vorkommnisse erst kurz zuvor eröffnet worden. In Amstetten wurden aufgrund der Beschwerden moderne Liegeunterlagen angeschafft", liest er aus den Akten vor.

121 Behandlungsfehler allein 2002

Allein im Jahr 2002, so der Pflegeanwalt, habe er "in 121 Fällen Behandlungsfehler feststellen müssen". Personalmangel ("derzeit sind landesweit rund 190 vakant") sei an den untersuchten Missständen "meist nicht beteiligt gewesen", während VP-Landtagsabgeordnete Inge Rinke von "39 Prozent mehr Pflegeausbildungsplätze im Schuljahr 2001/2002" spricht.

"Trostlos" in Wien "Es ist trostlos", sagte indes Prüferin Johanna Ehmsen-Höhnl am ersten Tag der Untersuchungskommission nach dem Pflegeskandal in Wien. Bereits nach der ersten Einvernahme von Zeugen bei der U-Kommission sei klar geworden, dass Missstände im Pavillon 1 im Geriatriezentrum "Am Wienerwald" (GZW) nicht weiter banalisiert werden konnten.

Der Personalmangel im GZW sei offensichtlich gewesen, sagte Sachwalter Harald Haas - er hat stellvertretend für eine Klientin die Sache ins Rollen gebracht. Deutlich wurde auch, dass in städtischen Pflegeeinrichtungen keine Kontrollen der Aufsichtsbehörde stattgefunden haben. Nur Gesundheitsstadträtin Elisabeth Pittermann (SP), so Ehmsen-Höhnl, habe ein "offenes Ohr" gehabt. (Irene Brickner, Andrea Waldbrunner, DER STANDARD Printausgabe 24.10.2003)

Druckgeschwüre, falsche Dokumentationen: Niederösterreichs Grüne erheben Vorwürfe wegen "Pflegemissständen", Patientenanwalt Bachinger bezeichnet die Fälle als abgeschlossen. In Wien wurden bei der U-Kommission erstmals Zeugen einvernommen.
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