"Keine Ahnung ..."

27. Oktober 2003, 19:15
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Stardirigent Claudio Abbado kritisiert Silvio Berlusconi

Das Klima zwischen Italiens Künstlern und Ministerpräsident Silvio Berlusconi wird frostiger. Nach der Attacke des Schriftstellers Antonio Tabucchi in einem Leitartikel von Le Monde sorgt jetzt ein neuer Angriff für heftige Diskussionen. Der Dirigent Claudio Abbado feuerte in Tokio bei der Verleihung des Praemium Imperiale eine Breitseite gegen Berlusconi ab.

Abbado erhielt die als "Nobelpreis der Künste" geltende, mit 118.000 Euro dotierte Auszeichnung gemeinsam mit dem Regisseur Ken Loach, dem Architekten Rem Koolhaas, dem Bildhauer Mario Merz und der Malerin Bridget Riley.

Vor der Übergabe nutzte Abbado die Pressekonferenz zu einer Warnung vor Berlusconis Medienimperium. Dabei verwies er auf einen Satz des Autors Peter Schneider: "Ist es mit den europäischen Grundwerten vereinbar, dass ein Mann 80 Prozent der Medien kontrolliert und gleichzeitig Regierungschef ist?"

"Gewisse Dinge müssen einfach gesagt werden. Das hat weder mit links noch mit rechts zu tun", erklärte Abbado – und legte nach: "In unserer Regierung sitzen Minister, die vom Reichtum der Kultur in- und außerhalb Italiens keine Ahnung haben. Besitzer von Fernsehsendern verdrängen durch den Import billiger amerikanischer Soap-Operas die Kultur und die Musik zunehmend aus den Programmen." Abbados Erklärung löste in Italien heftige Polemiken aus. Der Corriere della sera kritisierte den Dirigenten, weil "Ort und Anlass" für derartige Äußerungen "unpassend" gewesen seien. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.10.2003)

Gerhard Mumelter aus Rom
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