Volkstheater: Kandidaten abnützen als Kultursport

29. Oktober 2003, 19:35
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Emmy Werners Nachfolger: Verschlissen

Wäre Wien tatsächlich jene Kulturstadt, die sie in den Augen ihrer unverbesserlichen Lobredner zu sein vorgibt, sie würde die bis 15. November laufende Ausschreibung der Volkstheater-Direktion zur Abhaltung eines lebhaften Ideenwettbewerbs nutzen: unter Beteiligung jener Öffentlichkeit, die vorderhand mit Latrinengerüchten und Ehrabschneidungsarbeiten kärglich abgespeist wird.

Man würde die Zukunft eines bis tief ins vermorschte Gemäuer gefährdeten, chronisch unterdotierten 900-Plätze-Hauses mit Anregungen verbinden: Wie man aus einem mittlerweile ermüdeten Großtheater, dessen verdienstvolle Leiterin 2005 stolze 17 Jahre auf dem Direktorensessel ausgeharrt haben wird, einen Ort der zupackenden und fantastischen Wirklichkeitserkundung macht.

Stattdessen tobt um die Qualifizierung für die gewiss fronvollen Aufräumungsarbeiten am Weghuber- Park eine byzantinische Kommunaltragödie – mit vorderhand (noch) offenem Ausgang. Denn während sich das Wiener Kulturamt (MA 7) in geradezu ohrenbetäubendes Schweigen hüllt und auf das Ende der Ausschreibungsfrist verweist, kursieren in der schwatzsüchtigen Society der selbst ernannten Kulturmakler und Wichtigkeitskonsulenten die immer gleichen Namen – die man, um dem schnöden Mangel an diskutablen Theaterabsichten abzuhelfen, sicherheitshalber gleich noch desavouiert.

Die Malaise ist einigermaßen hausgemacht: Hoch gehandelte Favoritinnen wie die eigenwillige Nervenschauspielerin Andrea Eckert werden sofort in einem Atemzug mit ihren umsichtigen politischen Förderern genannt. Niemand Geringerer als der Bundesvorsitzende der heimischen Sozialdemokratie soll das Banner der mindestens als schwierig geltenden Eckert unverbrüchlich vor sich hertragen – flankiert von jenen wohlmeinenden SP- Einflüsterern, die wegen der gewiss verbesserungswürdigen Frauenquote in kulturellen Leitungspositionen plötzlich bittere Krokodilstränen vergießen. Nur hat noch niemand ausmachen können, worin die besondere Qualifizierung von Frau Eckert für den direktorialen Marterstuhl in Wahrheit bestünde. Sieht man von der Fürsprache ihres ehemaligen Lebensgefährten André Heller einmal ab. Mit zwei als Erfolg zu verbuchenden Hauptrollen in den letzten rund acht Jahren, etwa als paradiesvogelhaft staksendes Callas-Double in Meisterklasse, nennt Eckert ein eher schmales Oeuvre ihr Eigen.

Dagegen kursiert im Volkstheater seit kurzem eine Aufstellung aller jener Produktionen, aus denen die Kapriziöse seit 1995 trotz Zusage ausgestiegen ist – um damit die Programmvorhaben bisweilen gleich ganz zum Erliegen zu bringen. Es handelt sich dabei um zehn Arbeiten: Leicht bekömmliche Kost wie Irma la Douce (1997) war einzig ihretwegen überhaupt in den Menüplan aufgenommen worden. Das Stück Miss Golden Dreams musste heuer ersatzlos storniert werden. Oft genug echappierte die Exzentrikerin knapp vor Probenbeginn. Ein kostspieliges, verzwicktes Problem für jede seriöse Dispositionsanstrengung in einem zusehends – durch den Bund – kaputtgesparten Haus. Während Eckert unverdrossen, quer über Deutschland verstreut, mögliche Mitarbeiter zu akquirieren versucht, bleibt den Ko-favoriten nur die Suche nach Verbündeten.

Der viel genannte Michael Schottenberg macht aus seinen Leitungsabsichten wenigstens kein Hehl: Ihm wird zugetraut, Emmy Werners Erbe ohne große Umstülpungen zu pflegen. Das Kraftgenie Paulus Manker wurde unversehens von Staatsopern-Direktor Ioan Holender ins Spiel gebracht – und auch Staatssekretär Franz Morak soll sich über diese bunt schillernde Option, die zumindest raue Umgangsformen sicherstellt, bereits anerkennend geäußert haben.

Der zuletzt vor allem in Deutschland arbeitende Stephan Bruckmeier besitzt diverse Leitungserfahrungen – etwa auch beim niederösterreichischen Donaufestival. Über eine kommunale Hausmacht wild entschlossener Lobbyisten verfügt er (vorderhand) nicht. Und während ganz Ausgeschlafene bereits den Namen des Linzer Schauspielchefs Gerhard Willert aufgekratzt ins Spiel bringen, scheint der Zieleinlauf der vom Stiftungsvorstand zu begutachtenden Kandidaten zur vorsorglichen Abnützungsschlacht verkommen. Gut möglich daher, dass ein mit Kot und Schmutz verkrustetes Rennpferd gleich welchen Namens mit schwindenden Kräften das Zielband durchtrennt. (DER STANDARD, Printausgabe vom 24.10.2003)

Von
Ronald Pohl
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