"Mister Austria" war zu Hause in drei Kulturen

27. Oktober 2003, 18:10
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Der aus Wien gebürtige Jurist und Politologe Kurt Steiner ist tot

Der Sohn eines kleinen Wiener Fleischhauers stand am Beginn seiner Rechtsanwaltskarriere, als er im April 1938 vor den Nationalsozialisten in die USA fliehen musste. Kurt Steiner begann in New York wieder von ganz unten, jobbte als Eisverkäufer und Fensterputzer. Bereits 1943 war er jedoch Leiter von Berlitz-Sprachschulen in Pittsburgh und Cleveland. 1945 schickte ihn die US-Regierung als Sprachoffizier nach Japan. Er lernte in Windeseile Japanisch und spielte 1946 bis 1948 eine nicht unwichtige Rolle beim großen Tokioter Kriegsverbrecherprozess: Er leitete die Dokumentenabteilung der internationalen Anklagevertretung und avancierte schließlich zum US-Anklagevertreter.

Seit damals war er Befürworter eines internationalen Gerichtshofs, dessen Verwirklichung er noch erleben konnte. Er scheute auch nicht davor zurück, die USA, die einem solchen Gerichtshof bis heute ablehnend gegenüberstehen, deshalb immer wieder zu kritisieren. Nach dem Prozess betraute er die Durchführung und Überwachung der Rechtsreformen in Japan.

Trotz einer Reihe lukrativer Jobangebote in Japan zog es Steiner mit knapp 40 Jahren noch einmal an die Uni: Er studierte Politikwissenschaft in Stanford und lehrte dort als Professor bis 1977, veröffentlichte Bücher über die japanische Lokalverwaltung, aber auch über das "moderne Österreich", dem er stets in kritischer Liebe verbunden blieb. Ob seines Engagements für den Österreich-Lehrstuhl, der 1976 mit österreichischen Spendengeldern in Stanford eingerichtet wurde, wurde er "Mister Austria" genannt.

Steiner, der in seiner Jugend Heurigenlieder schrieb, war in drei Kulturen zu Hause, ganz verschrieben hat er sich jedoch keiner. Seine Identität sei die eines Beobachters, meinte er einmal. Am ehesten so etwas wie Heimatgefühl vermittelte ihm seine Frau Kitty. Mit 18 hatte er die Wiener Modistin kennen gelernt. Für Außenstehende stand die Beziehung unter keinem guten Stern: Er, der jüdische Intellektuelle und überzeugte Sozialist, sie Christin und acht Jahre älter als er, mit einer großen Portion Hausverstand, aber ohne akademische Bildung. Doch die Beziehung hielt bis zu Kittys Tod. Er überlebte seine Gattin knapp drei Wochen.

"Am schönsten ist es daheim", sagte er zwei Tage vor seinem Tod am Telefon. Dort starb er am 20. Oktober im Alter von 91 Jahren: in seinem Bungalow in Stanford mit den japanischen Tapeten und österreichischen Bildern. (Elisabeth Welzig/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24. 10. 2003)

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