Blutiger Kampf für Arbeiterrechte

23. Oktober 2003, 08:59
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Kolumbianische Gewerkschafter berichten von Gewalt und Einschüchterung - Geplantes Referendum wird abgelehnt

Wien - In keinem Land der Erde ist gewerkschaftliche Arbeit derart gefährlich wie in Kolumbien: So wurden einer Studie des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften (IBFG) zufolge allein im vergangenen Jahr 184 Aktivisten in dem südamerikanischen Land entweder ermordet oder verschwanden spurlos - dies sind rund 80 Prozent der getöteten Gewerkschafter weltweit. Kolumbianische Arbeitervertreter machten bei einem Podiumsgespräch gestern, Mittwochabend, in Wien dafür unheilvolle Verflechtungen zwischen transnationalen Konzernen, paramilitärischen Verbänden und der rechtskonservativen Regierungspolitik von Staatspräsident Alvaro Uribe verantwortlich.

Auch wenn er keine hundertprozentigen Beweise vorlegen könne, so gebe es dennoch zahlreiche Zeugenaussagen und Indizien, die darauf hindeuteten, dass paramilitärische Gruppen im Sold internationaler Konzerne Aktivisten nötigenfalls auch mit Gewalt aus dem Weg räumen würden, erklärte Ember Eduardo Oritz Araujo, ein Führungsmitglied der Lebensmittelarbeitergewerkschaft. Entführungen sowie gezielte Einschüchterungen von Aktivisten und ihren Familienangehörigen in Form von Verhaftungen und Hausdurchsuchungen stünden dabei an der Tagesordnung. Außerdem werde von seiten der Regierung alles unternommen, um den Gewerkschaften die Mitglieder abspenstig zu machen. So würden organisierte Arbeiter häufig unter Androhung von Entlassung bzw. Gewalt zum Verzicht auf ihre Rechte gezwungen. Für Betroffene bedeute dies häufig, dass sie statt kollektivvertraglich festgelegten zwölf US-Dollar (10,26 Euro) für einen acht-Stunden Arbeitstag nur mehr vier US-Dollar für zehn bis zwölf Stunden erhalten würden, so Araujo, der insbesondere die Unternehmen Coca Cola und Nestle ins Visier nahm.

Blumenindustrie

Besonders arg ist nach den Worten der Präsidentin der Blumenarbeiterinnengewerkschaft Untraflores, Aidé Silva, die Situation in der Blumenindustrie. Betroffen seien in diesem Bereich zu 80 Prozent Frauen (davon zwei Drittel alleinerziehende Mütter), deren durchschnittliche Monatslöhne von 100 USD im Monat bei weitem nicht ausreichten, um sich und ihre Kinder zu versorgen. Der exzessive Einsatz von Chemikalien ohne entsprechende Schutzmaßnahmen würde das Elend für die Betroffenen schier unerträglich machen.

Der Uribe-Regierung warf Araujo einen Deal mit den Handlangern und Hintermännern solcher Praktiken vor: Diese würde den Terror der Paramilitärs stillschweigend dulden, um den wirtschaftlich potenten Hintermännern auf diese Weise "'die Schulden' für das Sponsoring des Wahlkampfs" in Form von Arbeitsbedingungen ohne Arbeitnehmerrechte zurückzuzahlen. Als besondere taktische Finte würden seit geraumer Zeit Regierungstruppen im Zuge von Militäraktionen gegen Rebellenverbände verstärkt auch gewerkschaftliche Verbände unter Beschuss nehmen und dadurch die beiden Themenkomplexe in einen Zusammenhang bringen. Diese Vermischung dient laut der Menschenrechts-Beauftragten der Gewerkschaftsschule, Liliana Maria Lopez Lopera primär dazu, Arbeiterverbände in ein terroristisches Licht zu rücken. Den staatlichen Behörden warf sie in diesem Zusammenhang "gezielte selektive Gewalt" insbesondere gegen Führungspersönlichkeiten der Gewerkschaften vor.

Kampf auf gesetzlicher Ebene aufgegeben

Die Hoffnung, auf gesetzlichem Wege Verbesserungen zu erreichen, haben die drei Aktivisten aufgegeben. Bei dem am Samstag stattfindenden Referendum über die Parlamentsreform wolle die Regierung lediglich das von ihr tolerierte Unrecht in legistische Formen gießen und Menschenrechtsverletzungen nachträglich reinwaschen, sagte Lopez Lopera aus. Neben den Bürgerrechten wolle Uribe nicht zuletzt die Bestimmungen zum Schutz der Arbeiter weiter "drastisch reduzieren". Da mit einer sauberen Durchführung des Referendums nicht zu rechnen sei, schließen sich die Gewerkschaften Aufrufen zum Nicht-Teilnahme an der Abstimmung an. Die Chance, dass die Mindesbeteiligung für ein Inkrafttreten der Maßnahmen dabei verfehlt werden könnte, sieht das Trio mit "großem Optimismus". (APA)

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